Mutter nahm Drogen, Kind entwicklungsverzögert

Fabians tragische Geschichte: Pflegefamilie kümmert sich

Inobhutnahme auf Zeit: Etwa ein Drittel der Kinder können aus der Bereitschaftpflege mit einer Anschlusshilfe wieder in die Familie zurückkehren. Der Landkreis sucht immer wieder Bereitschaftspfamilien, die tolerant, belastbar und fähig sind, sich schnell auf neue Situationen einzustellen. Foto:  dpa

Kreis Kassel. 30 Kinder aus dem Landkreis Kassel mussten im vergangenen Jahr aus ihren Familien genommen und in eine Bereitschaftspflegefamilie übergeben werden.

Bereitschaftspflegefamilien springen in Notsituationen ein und leisten „Erste Hilfe“ für Kinder und Jugendliche. Bereitschaftspflege bedeutet, ein Kind für einen vorübergehenden Zeitraum in die Familie aufzunehmen, bis die weitere Perspektive durch das Jugendamt oder das Familiengericht geklärt ist. Dies bedeutet auch, ein Kind wieder „loszulassen“ und auf seine künftige Situation vorzubereiten. Ehepaar M. aus dem Landkreis Kassel berichten über ihre Erfahrungen als Pflegeeltern auf Zeit.

Der tragische Fall Fabian

Fabian* ist 16 Monate alt und entwicklungsverzögert. Nach seiner Geburt musste der kleine Junge einen sechswöchigen Entzug überstehen. Wie schwer Fabian durch den Drogenmissbrauch seiner Mutter während der Schwangerschaft geschädigt wurde, ist unklar.

Sichtbar ist jedoch, dass Fabian weder sitzen noch sprechen kann. „Die ersten acht Monate befand er sich wie in einer Starre, er hat keinerlei Kontaktaufnahme gezeigt“, erzählt seine Bereitschaftspflegemutter, bei der Fabian, nach dem Entzug im Krankenhaus, aufgenommen wurde.

In den vergangenen Monaten hat sich das Baby den Umständen entsprechend gut entwickelt: „Er rollt sich jetzt seitwärts, verfolgt uns mit seinen Blicken und fängt an zu Lachen“, berichtet die 56-Jährige, die seit neun Jahren Kindern in Not ein Zuhause auf Zeit gibt. Gemeinsam mit ihrem Mann, der noch berufstätig ist, hat sie seitdem 31 Kinder in Obhut genommen - meist Kleinkinder und Babys.

Fabian wird frühkindlich gefördert, inwiefern er einmal ein selbstbestimmtes Leben führen kann, ist noch ungewiss - es stehen noch Untersuchungen aus. Seine Mutter sucht keinen Kontakt, aber sein Vater kommt ihn regelmäßig bei Familie M. besuchen. Denn egal wie schwierig die Bedingungen sind, ist es wichtig für die Entwicklung, dass die Bereitschaftspflegefamilien den Kontakt zu den leiblichen Eltern ermöglichen, erklärt Christiane Winkler-Börner, Koordinatorin der Bereitschaftpflege beim Landkreis Kassel.

Schon bald kommt Fabian in eine Pflegefamilie mit „professionellem Hintergrund“ die für seine weitere Förderungwichtig ist, berichtet Winkler-Börner. Deshalb habe es auch so lange gedauert, bis eine passende Familie gefunden wurde. Für Familie M. ist der Abschied mit Wehmut verbunden. Aber sie wissen auch, dass ein sicher gebundenes Kind bessere Chancen hat und durch ihr Engagement ein Urvertrauen entwickeln konnte: „Wir geben ihm eine Sicherheit mit.“

Familie M. hat zu vielen Kindern auch heute noch losen Kontakt. „Wir können sehen, wie sie sich weiter entwickeln und aufwachsen.“ Die Pflegeeltern „verschwinden nicht von jetzt auf gleich“, sondern ziehen sich langsam zurück. Die Überleitung sei nicht immer einfach, weil die Kinder nicht immer die Familie auf Zeit verlassen wollen. Trotzdem hat sich die Familie M. bewusst für die Bereitschaftspflege und gegen die Adoption eines Kindes entschieden.

Sie haben Verantwortung auf Zeit übernommen: „So können wir jeder Zeit aufhören, wenn es uns gesundheitlich nicht mehr gut gehen sollte“, erklärt Frau M. Wenn sie jünger gewesen wäre, hätte sich die gelernte Einzelhandelskauffrau vielleicht doch für eine Langzeitpflege oder eine Adoption entschieden.

Auch wenn die Familie in ihrem Umfeld schon auf Unverständnis gestoßen ist, bereuen sie ihre Entscheidung nicht. „Die Kinder geben uns so viel zurück, wir müssen uns nur immer vor Augen halten, dass diese Beziehung nur für eine begrenzte Zeit ist.“

*Name wurde von der Redaktion geändert. 

Mehr zum Thema Bereitschaftspflege lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.