Renate Meyer pflegt seit mehr als 50 Jahren ihren autistischen Sohn Friedhelm – Ehrung des Landes Hessen

Er braucht sie rund um die Uhr

Ein Moment der Zufriedenheit: Renate Meyer mit ihrem autistischen Sohn Friedhelm am Klavier. Die 76-jährige Mutter pflegt ihn seit 50 Jahren. Foto: Dilling

Baunatal. Wenn Friedhelm Meyer sitzt, die Hände über dem Bauch zusammenfaltet und zufrieden vor sich hin lächelt, entspannen sich auch die Gesichtszüge seiner Mutter Renate. Das geschieht häufig, wenn Friedhelm es geschafft hat, auf dem weißen Klavier im Wohnzimmer der Meyers in Altenritte ein kleines Stück ohne Fehler zu spielen, oder wenn er ihr stolz einen Wandteppich gezeigt hat, den er in den Baunataler Werkstätten geknüpft hat.

Doch da gibt es auch die stressigen Situationen, die die Mutter ihre ganze Kraft kosten. Denn ihr 50-jähriger Sohn ist von Geburt an Autist. Das ist eine angeborene Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörung, die es den Betroffenen schwer macht, im Alltag klar zu kommen und mit „normalen“ Menschen in Kontakt zu treten. Autisten reagieren oft unangemessen, wenn sie nicht verstanden werden. Da kommt es auch schon mal zu Gewaltausbrüchen.

Unberechenbar

„Friedhelm ist unberechenbar“, sagt die 76-Jährige, die nun mit der Pflegemedaille des Landes Hessen ausgezeichnet wurde. Seit 50 Jahren pflegt Renate Meyer ihren Sohn zu Hause und kämpft für eine bessere Integration und um mehr Verständnis nicht nur für Friedhelm, sondern auch für andere von dieser Krankheit Betroffene. Und damit will sie weitermachen. Dabei hat die gebürtige Ostpreußin und Mutter von drei Kindern bis vor kurzem eine solche Last zu tragen gehabt, die weniger starke Menschen wohl nicht ausgehalten hätten. Neben ihrem Sohn hat sie ihre schwer kranke Schwiegermutter, später ihre Mutter und zuletzt, bis Mai dieses Jahres, ihren Ehemann bis zu deren Tod zu Hause gepflegt. Daneben war sie lange berufstätig, zunächst als Versicherungskauffrau, dann als Mitarbeiterin der Raiffeisenbank Baunatal und zuletzt im früheren Baunataler Büro des Immobilienmaklers Jörn Hödtke.

Ursprünglich habe sie Diakonisse werden wollen, erzählt die Baunatalerin. Das habe zwar nicht geklappt. Sie habe dafür aber christliche Nächstenliebe und aufopfernde Pflege in ihrem Alltag zur Richtschnur gemacht, sagt Meyer. Über die Pflegeerfahrung in ihrer Familie hat sie ein Buch für Verwandte und Freunde geschrieben.

Werbung um Spenden

Der Einsatz für einen besseren Platz autistischer Patienten in der Gesellschaft liegt der 76-Jährigen noch immer am Herzen. Sie sammelt Spenden für eine Freizeitgruppe von Autisten. Als ihr Sohn Friedhelm geboren wurde, war das Krankheitsbild „Autismus“ noch nicht so bekannt. Renate Meyer half mit, das zu ändern. 1975 gründete sie den damaligen Regionalverband „Hilfe für das autistische Kind Kassel-Göttingen“ (heute: Autismus Nordhessen e.V.) mit. Sie ist auch Mitgründerin der Autismus-Stiftung in Kassel.

Von Peter Dilling

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