Nach dem Krieg stellten Früchte des Waldes einen wichtigen Teil der Nahrung dar

Bucheckern für etwas Öl

Bucheckern als Tauschobjekt: Für sieben Pfund davon erhielt man nach dem Krieg einen halben Liter Speiseöl. Fotos: dpa

Baunatal. Nach dem Krieg wurden die Grundnahrungsmittel noch knapper als während des Krieges. Zum Backen und Kochen reichten die zugeteilten Fette kaum. Daher kam man auf die Idee, Bucheckern zu sammeln. Diese besaßen einen hohen Anteil an Öl, und im Wald standen viele Buchen, die ihren Samen abwarfen.

Auch ich war des öfteren mit der Bucheckernlese beschäftigt. Mühsam und zeitaufwendig war dieses Geschäft. Es dauerte eine lange Zeit, bis ein Töpfchen mit Eckern gefüllt war, denn diese mussten zwischen dem Laub und langen Gras aufgelesen werden.

In einer Ölmühle nahe der Stadt Melsungen konnte man die Bucheckern gegen Speiseöl eintauschen. Für sieben Pfund getrocknete Bucheckern erhielt man etwa einen halben Liter Öl, das sorgsam eingeteilt wurde, damit man recht lange einen Vorrat hatte.

Zug um vier Uhr morgens

Auch das Sammeln von Heidelbeeren war zur damaligen Zeit weit verbreitet. Frauen aus unserem Dorf wussten zu berichten, dass es bei Naumburg viele dieser Beeren gäbe und man die Eimer oder Kannen bald gefüllt hätte.

Meine Schwester sollte bei einer solchen Heidelbeer-Tour mitmachen. Mir erschien diese Lese leichter als die der Bucheckern. So ließ ich mich nicht abhalten, auch hier dabei zu sein, da mir das Naschen der Beeren so nebenher sehr verlockend erschien. Viele Sammler benutzten den ersten Zug der Kleinbahn nach Naumburg kurz nach vier Uhr morgens.

Dann mussten sie aber im Wald feststellen, dass die Einheimischen bereits zuvor an Ort und Stelle gewesen waren. Daher bevorzugten wir nach eingehender Beratung den Abendzug und nächtigten demzufolge in einem Waggon der Kleinbahn im Bahnhof von Naumburg.

Gleich nach Sonnenaufgang setzten sich die Sammler mit Eimern, Kannen und anderen Gefäßen in Richtung Wald in Bewegung. Tatsächlich, wir wurden fündig! Noch heute habe ich das Bild vor mir wie wir krummgebückt nach den Blaubeeren suchten. Ganz Gerissene hatten einen groben Kamm mitgebracht, um so die Früchte besser und schneller abernten zu können. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Gefäße gefüllt waren.

Kanne randvoll

Meine Schwester, vier Jahre älter als ich, war fleißig gewesen und hatte bereits ihre Kanne mit leckeren Blaubeeren fast randvoll gefüllt. Wir lachten, scherzten, und dann passierte es! Meine Schwester stolperte über eine Baumwurzel, fiel auf den Boden und ließ dabei die Kanne hinfallen, so dass die Heidelbeeren auf den Waldboden rollten.

Wir ärgerten uns sehr, zumal es an der Zeit war, in Richtung Bahnhof aufzubrechen. Glücklicherweise waren mehrere Mitleserinnen bereit, von ihren gesammelten Beeren einige an uns abzugeben.

Erinnerung an Nachtfahrt

Heidelbeeren auf dem Kuchen oder als Nachtisch erinnern mich immer noch an diese Nachtfahrt nach Naumburg und an die mühselige Lese der köstlichen Waldfrüchte.

http://zu.hna.de/rtdTux

Von Ria Ahrend

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