Interview mit Niestes Bürgermeister

Edgar Paul: "Ich hoffe und bete: Geht zur Wahl!"

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Edgar Paul

Nieste. Seit dem Jahr 2000 ist Edgar Paul Bürgermeister in Nieste. Der SPD-Mann kandidiert bei der Bürgermeister-Direktwahl am 2. Dezember für seine dritte und letzte Amtszeit. Wir sprachen mit dem 61-Jährigen über seine Pläne.

Herr Paul, seit der Kommunalwahl vor knapp zwei Jahren sind Sie Alleinherrscher in Nieste. Wer kontrolliert Sie eigentlich?

Edgar Paul: Ich habe mir meine Kontrollen selbst aufgebaut. Wir haben zwei Ausschüsse des Gemeindeparlaments abgeschafft und dafür drei Kommissionen gebildet. Denen gehören jeweils zwei sachkundige Bürger aus der Opposition an. Darüber hinaus haben die Mandatsträger ein Mitglied der CDU in den Gemeindevorstand entsandt.

Aber eine klassische politische Opposition ist nicht in Sicht?

Paul: Das sehe ich nicht so. Ich bin davon überzeugt, dass die CDU bei der Kommunalwahl 2016 wieder antreten wird. Und das ist auch gut so, schließlich sind zurzeit 25 bis 30 Prozent der Niester Bevölkerung nicht repräsentiert. Eine Opposition dient ja nicht nur als Gegenpol, sondern sie gibt auch Anregungen. Die fehlen jetzt.

Sie haben keinen Gegenkandidaten bei der Bürgermeisterwahl. Halten Sie das für einen Vorteil oder eine Belastung?

Paul: Es ist ganz eindeutig eine Belastung. Ich habe mir so sehr einen Gegenkandidaten gewünscht.

Gradmesser der Zustimmung oder Ablehnung für Ihre Arbeit wird die Wahlbeteiligung sein. Mit wie viel Prozent rechnen Sie?

Paul: Ich hoffe und bete: Geht zur Wahl! Ich würde mir wünschen, dass 45 bis 50 Prozent teilnehmen. Mir kommt es darauf an, dass die Wahlbeteiligung möglichst hoch ist, das ist wichtiger als mein persönliches Ergebnis.

Sie sind seit zwölf Jahren als Bürgermeister im Amt, was war Ihre wichtigste Entscheidung?

Paul: Zunächst ging es darum, die Ortsmitte zu stärken. Wir haben die Verwaltung vom Berg in den Ortskern geholt und dort ein Dorfgemeinschaftshaus mit Restaurant geschaffen. Im Bereich von 150 Metern rund um das Haus gibt es mehrere Geschäfte, hier kann man alles erledigen.

Wie geht es mit dem Ortszentrum weiter?

Paul: Ich gehe davon aus, dass wir die leer stehende Gaststätte Ketzer schnell abreißen können. Der Inhaber des örtlichen Edeka-Marktes kann dann wie geplant einen Getränkemarkt bauen. Der Rest des Geländes verträgt eine kleine Passage, in die unter anderem der Teeladen, Lotto und Toto, die Bäckerei und die Sparkasse einziehen können. Die Gemeinde wird bauen, das Objekt zu einem späteren Zeitpunkt aber in private Hände geben.

Welche Rolle spielt das Soziale in Ihrer Bilanz?

Paul: Wir haben die Angebote des Kindergartens ausgebaut und eng mit der Grundschule verzahnt. Das war unerlässlich, um junge Familien nach Nieste zu holen und hier zu halten. Als ich im Jahr 2000 als Bürgermeister anfing, war der Kindergarten nur bis Mittag geöffnet und die Schule hörte um zwölf Uhr auf. Für Senioren finden monatliche Aktivitäten in Nieste über den Seniorenbeirat und die Kirche statt.

Welchen Stellenwert hat der Tourismus für Sie?

Paul: Mit dem sanften Tourismus haben wir ein neues Standbein entwickelt, von dem Nieste profitiert. Als Beispiel nenne ich die Wanderschule. Sie organisiert nächstes Jahr die Grimmsteigtage mit der 82-Kilometer-Wanderung auf dem Grimmsteig mit; dadurch wird Nieste noch bekannter werden. Mittlerweile kommen bis zu 30 Busse pro Woche zur Königsalm.

Mit Ruhe und sanftem Tourismus hat das nichts zu tun...

Paul: Nun wollen wir aber mal nicht übertreiben. Man kann hier noch immer stundenlang wandern, ohne jemanden zu treffen. Man muss sich also keine Sorge um die Qualität unseres Wandergebiets machen.

Rechnet sich die Wanderschule denn für Nieste?

Paul: Auf jeden Fall. Unser Ziel ist es, mindestens eine Busbesetzung in Nieste unterzubringen.

Wo denn?

Paul: Wir haben das frühere Freizeitheim Rotte Breite im Blick. Wenn die Asylbewerber das Heim, wie mit dem Landkreis vereinbart, im Frühjahr 2013 verlassen, dann hätten wir eine Unterbringungsmöglichkeit.

Die Gemeinde will also ein Hotel betreiben?

Paul: Nein, das muss schon ein Privater machen. Es geht um eine einfache Unterkunft, wo die Wanderer übernachten können und morgens ein Stullenpaket bekommen ...

... und abends dann in die Königsalm gehen?

Paul: So kann man sich das vorstellen.

Viele waren erstaunt, wie schnell Sie die Königsalm aus dem Boden gestampft haben.

Paul: Das ging aber nur, weil wir selbstständig sind und kein Mitglied im Zweckverband Raum Kassel. Sonst stünde die Alm wahrscheinlich heute noch nicht.

Und was wird aus dem Café Sonnenhang, das Sie für 300.000 Euro gekauft und für das Sie keine Verwendung haben?

Paul: Es wird das Beste sein, wenn wir das Gebäude abreißen und aus dem Gelände zwei Baugrundstücke machen. Damit wäre die Bebauung dem Wohngebiet angepasst.

Von Peter Ketteritzsch und Holger Schindler

Zur Person:

Edgar Paul (61) ist seit dem Jahr 2000 direkt gewählter Bürgermeister der Gemeinde Nieste. Im Parlament genießt der Sozialdemokrat die denkbar größte Unterstützung, denn seit der Kommunalwahl im März 2011 sind die 15 Parlamentssitze ausschließlich mit SPD-Mitgliedern besetzt, eine Opposition gibt es seit dem Rückzug der CDU nicht mehr. Bei der Bürgermeister-Direktwahl am Sonntag, 2. Dezember, tritt Paul als einziger Kandidat an. Paul hat eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann absolviert und ging dann für acht Jahre zum Bundesgrenzschutz. Von 1972 bis 1975 nahm er als Mitglied der GSG 9 auch an Einsätzen gegen Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe teil. Nach dem Fachabitur auf dem 2. Bildungsweg arbeitete Paul 22 Jahre beim Landeswohlfahrtsverband, bevor er im Jahr 2000 in Nieste zum Bürgermeister gewählt wurde. In seiner Freizeit ist Edgar Paul viel im Wald, er ist begeisterter Jäger. Paul ist verheiratet, hat vier Kinder aus zwei Ehen und ist zweifacher Opa.

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