Henschel-Flugmotorenwerk: Frühere Lehrlinge tauschen bis heute Erinnerungen aus

Bunker sind unvergessen

Rüstige Damen: Ursula Lengemann (von links), Anna Kottmann und Anna Günther reden nicht nur über ihre Lehrlingszeit im Flugmotorenwelt, sondern über alles, was in der Welt passiert. Foto:  Dilling

Baunatal. Ihre Jugend war von Arbeit, langen Fußmärschen ins Werk, zur Berufsschule und zum Stenounterricht in Kassel sowie von Bombenangriffen geprägt. 20 junge Auszubildende haben die Kriegszeit in der ersten Hälfte der 40er-Jahre im früheren Henschel-Flugmotorenwerk in Baunatal verbracht. Die harte Zeit hat sie zusammengeschweißt. Nach dem Krieg trafen sie sich regelmäßig. Heute sind es noch sechs Frauen, die einmal im Monat im Stadtcafé Baunatal zum Kaffeekränzchen zusammenkommen.

Anna Günther und Anna Kottmann aus Altenbauna und Ursula Lengemann aus Rengershausen, die eine kaufmännische Lehre bei Henschel absolvierten, erinnern sich noch gut an den Arbeitsalltag im Werk: „Wenn es Alarm gab, haben wir die Schreibmaschine unter den Arm geklemmt und sind in den Bunker gelaufen.“

Wäsche zum Wechseln

Dann sei man noch einmal ins Büro zurückgegangen, um die privaten Habseligkeiten mitzunehmen, sagt Kottmann. Darunter war auch Wäsche zum Wechseln. „Wir mussten ja immer damit rechnen, dass unser Zuhause ausgebombt war, wenn wir von der Arbeit kamen“, ergänzt sie.

Die Bunker seien lange, enge Stollen im Erdreich gewesen, mit zwei Bankreihen rechts und links, die sich unter den Produktionshallen hinzogen. „Wer groß war, musste den Kopf einziehen“, erzählt Lengemann.

Der Stollen unter Halle 13 sei einmal teilweise mit Wasser vollgelaufen. Ein anderer Bunker sei eingebrochen, die Arbeiter seien aber bis zum Abend wieder ausgegraben worden. Die Frauen erinnern sich nur an ein Unglück, bei dem ein Deutscher und ein Franzose umgekommen seien.

Zwangsarbeiter

Außerdem erinnern sich die Frauen auch an russische, italienische und polnische Zwangsarbeiter, die im Werk arbeiten mussten und abends unter Bewachung wieder in ihre Schlafbaracken in den benachbarten Dörfern zurückkehrten. Mit denen habe man als Azubi keinen Kontakt gehabt, sagt Lengemann. Sie habe aber nie erlebt, dass sie schlecht behandelt wurden.

Die Kriegsgefangenen und Internierten seien wie die deutschen Arbeiter bei Luftangriffen in die Bunker gegangen, bewacht von einem Bewaffneten. Eine Russin habe immer Pause machen dürfen, um ihr kleines Kind zu stillen. Die Kriegsgefangenen hätten allerdings nicht in der Kantine essen dürfen, sondern ein anderes Essen aus dem Kübel bekommen, berichten die 85-jährigen Frauen.

Nach Bad Wildungen

Ursula Lengemann hat als einzige von den drei Frauen bis Kriegsende im Flugmotorenwerk gearbeitet. Kottmann und Günther zogen mit der Verwaltungsabteilung nach Bad Wildungen um, als das Werk immer mehr von Bomben zerstört wurde. Lengemann registrierte zuletzt die in der Fabrik neu ankommenden italienischen Zwangsarbeiter.

Einige Monate nach Kriegsende habe sie einen ehemaligen französischen Kriegsgefangenen in Kassel wiedergetroffen. Der Familienvater sei in eine Polin verliebt gewesen und habe deshalb seine Rückkehr in die Heimat hinausgezögert. http://zu.hna.de/rtdTux

Von Peter Dilling

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