SPD-Dominanz im nördlichen Altkreis Kassel ist vorbei

Michael Aufenanger

Ahnatal / Fuldatal /Espenau/ Vellmar. Der Altkreis ist politisch gespalten: Während im südlichen und östlichen Altkreis bis auf eine Ausnahme überall die SPD regiert, ist es im nördlichen Altkreis umgekehrt.

So kann es gehen: Die noch vor einem Jahrzehnt über jeden Zweifel erhabene SPD in Ahnatal sorgte 2014 für die politische Lachnummer des Jahres im Landkreis Kassel. Inzwischen tief zerstritten, begaben sich die Genossen ebenso lustlos wie verzweifelt auf die Suche nach einem Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 9. November. Mangels eigener Leute - der einst in der Ahnataler Kommunalpolitik äußerst aktive Jens Richter zog es beispielsweise vor, in Bad Sooden-Allendorf anzutreten - präsentierten die Genossen Stefan Giebel aus Bad Emstal als Herausforderer des beliebten und als besonnen geltenden Michael Aufenanger (CDU). Was dann folgte, war mehr als eine Panne. Die Ahnataler SPD präsentierte den Mann mit den drei Doktortiteln als ihren Bewerber - doch der hatte das Bewerbungsgespräch irgendwie anders interpretiert, ließ verlauten, er sei nicht der Kandidat.

Das Ende vom Lied: Die SPD hat für den 9. November in ihrer einstigen Hochburg (zuletzt regierten dort Karl-Heinz Poetzsch und Regina Heldmann) keinen Kandidaten, ist blamiert - und CDU-Mann Aufenanger kann sich ohne Wahlkampf auf seine zweite Amtszeit freuen. Die Vorgänge in Ahnatal sind symptomatisch für die Situation der Sozialdemokraten im nördlichen Altkreis. Ihre Macht bröckelt seit Jahren. In drei von vier Rathäusern sitzen inzwischen keine Genossen mehr. Die erste, die in die Phalanx der Roten einbrach, war die FDP-Frau Anne Werderich in Fuldatal. Sie entriss dem weit über die Gemeinde hinaus einflussreichen Rudolf Stoepel die Macht. Und die Genossen vermochten nicht, den Chefsessel im Rathaus zurückzugewinnen. Als Werderich 2012 nach zwölf Jahren nicht noch einmal antrat, folgte ihr nicht SPD-Bewerber Klaus Exner, sondern der Christdemokrat Karsten Schreiber. Vor gut einem Jahr fiel dann die dritte Genossen-Bastion im nördlichen Altkreis: Espenau. Nach der Ankündigung des für seinen unaufgeregten Führungsstil bekannten Bürgermeisters Michael Wielert, 54-jährig in den Ruhestand zu gehen, setzte der Ortsverein auf einen Bewerber von außerhalb. Doch Marko Haselböck, Ordnungsamtsleiter in Lohfelden, vermochte die Wähler nicht zu überzeugen. Gerade einmal 26,4 Prozent holte er bei der Wahl im September 2013. Das Rennen machte ein Parteiloser: Carsten Strzoda konnte auch dadurch punkten, dass er jahrelang den größten Verein in Espenau führte. Nach dieser Niederlage war die Nervosität bei den Genossen in Vellmar groß. Der gesundheitlich bedingte Rückzug von Bürgermeister Dirk Stochla brachte sie in Zugzwang: Die nach Baunatal zweitgrößte Stadt im Landkreis Kassel musste gehalten werden. Dass Manfred Ludewig für die Genossen im Frühjahr bereits im ersten Wahlgang für die Zeit nach dem 1. Dezember 2014 alles klarmachte, lag auch an der Schwäche von Alexander Kampe. Der von CDU, Grünen und FDP Unterstützte überzeugte nicht.

Von Peter Ketteritzsch

Die meisten können durchregieren

Im übrigen Altkreis Kassel ist die Welt für die Genossen noch weitgehend in Ordnung. Die Sozialdemokraten besetzen acht der neun Chefsessel in den Rathäusern (nur Schauenburg wird von CDU-Frau Ursula Gimmler regiert), und fast überall hat ihre Partei auch in den Parlamenten die Mehrheit. Die ist notwendig, will der Bürgermeister ungestört durchregieren. Auf die absolute Mehrheit können sich SPD-Bezirkschef Manfred Schaub in Baunatal, Dieter Lengemann in Fuldabrück, Michael Reuter in Lohfelden, Michael Steisel in Söhrewald, Tilo Küthe in Helsa und Andreas Siebert in Niestetal stützen. Musterschüler ist Edgar Paul aus Nieste. Er hat mehr als die absolute Mehrheit: Das 15-köpfige Parlament der 1900-Einwohner-Gemeinde besteht seit der Kommunalwahl 2011 ausschließlich aus Sozialdemokraten.

Anders sieht es in Kaufungen aus: Dort hat die SPD im Parlament kontinuierlich an Boden verloren, die CDU liegt inzwischen gleichauf. SPD-Bürgermeister Arnim Roß, nach dem sechsjährigen Intermezzo des parteilosen Peter Klein seit Sommer 2010 Verwaltungschef, ist daher auf die Unterstützung der anderen Fraktionen angewiesen.

Ähnlich ist die Situation in der Kreispolitik. Auch im Kreistag hat die SPD ihre absolute Mehrheit vor drei Jahren eingebüßt. Landrat Uwe Schmidt ist mit der Strategie der wechselnden Mehrheiten recht gut gefahren - bis zur vergangenen Woche. Da verhinderten nur die beiden Abgeordneten der Piraten und der Tierschutzpartei mit der Linken eine Niederlage Schmidts bei der Abstimmung über die von ihm gewollte Zusammenarbeit von EAM und Städtischen Werken Kassel beim Strom- und Gasvertrieb. Und Anfang nächsten Jahres wird es gleich wieder spannend im Kreistag: Dann stellt sich SPD-Vizelandrätin Susanne Selbert der Wiederwahl. Ohne Zugeständnisse an die politische Konkurrenz dürfte diese nicht über die Bühne gehen. (ket)

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