Charly Fernau: Chef von 42 Läden und mit 82 Jahren voller Ideen

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Mit Kappe oder Hut: Karl Fernau (82) vor einer seiner ältesten Filialen, dem Laden Charly’s Modetreff in Altenbauna. In der VW-Stadt sind – eine Seltenheit – alle vier Linien des Unternehmens vertreten. Foto: Jünemann

Baunatal/Fuldabrück. Aufhören? Daran verschwende er keinen Gedanken, sagt Karl „Charly“ Fernau. Auch mit 82 Jahren, nach sechs Jahrzehnten als Unternehmer im Einzelhandel und schwerer Krankheit 2005 denkt der Fuldabrücker Geschäftsmann nicht an Ruhestand, sondern hat neue Projekte im Kopf.

Fernau ist mit seinen 42 Mode- und Bastelläden in vier Bundesländern vertreten – mit Baunatal verbindet ihn eine spezielle Beziehung. Die rührt nicht nur daher, dass Fernau um 1970 einen der ersten Läden im gerade neu gebauten Einkaufszentrum eröffnete. Die VW-Stadt ist auch der eine von nur zwei Orten, in dem alle vier Geschäftslinien der Firma vertreten sind. Das gibt es ansonsten allein in Hofgeismar.

Am kommenden Sonntag holt Fernau daher 120 Mitarbeiterinnen nach Baunatal, um zum einen in der Stadthalle ein Betriebsfest zu feiern, zum anderen der Belegschaft alle vier Geschäftsformen – Charly’s Modetreff, CBR Companies, textilia und Charly’s Floh – vorzustellen. Viele kennen nur eine der Linien.

Drei Männer

Fernau und die Frauen – das ist nicht nur wegen der Kleidung, die sein Unternehmen seit Jahrzehnten offeriert, eine besondere Liason. 98 Prozent der Angestellten sind weiblich: Fernau selbst, Sohn Martin (32) und der Lkw-Fahrer stellen die restlichen zwei Prozent der Firma. An deren Spitze wiederum arbeiten neben dem Chef drei Frauen.

Kurzclip: Charly Fernau über sein Engagement in Baunatal

Schick im lila-weißen Streifenhemd, den passenden Pullover lässig über die Schultern geschlungen, sitzt Fernau im Hinterzimmer der Baunataler Modetreff-Filiale und erzählt von früher. „Ich war hier einer der ersten.“ Fundgrube, so hieß der Laden in den Anfängen. Ansässig geworden war Fernau einige Jahre früher in der Gräfestraße in Kassel. Davor ging er seinem Gewerbe ambulant nach, mit einem Koffer voller Modelle zum Anschauen. Das Bestellte wurde danach per Post geliefert. „Am Anfang war es ein Versandhandel“, sagt Fernau.

Pappkoffer auf dem Rad

Heute kaum vorstellbar, wie der Selfmademan auf dem Rad „mit dem Pappkoffer hinten drauf“ durch die Lande fuhr, um sein Angebot an den Haustüren vorzuführen. Die erste Gewerbeerlaubnis vor 60 Jahren war noch auf den Vater ausgestellt, weil ein 22-Jähriger dafür zu jung war. Einige Mitarbeiter, die ebenso als Reisende tingelten, hatte Fernau schnell. 1954 stieg er aufs erste Auto um, einen Ford 12M.

Neuen Ideen stets aufgeschlossen – das ist bei Charly Fernau, der zum Umsatz seines Unternehmens keine Angaben macht, so geblieben. Daher überwiegen inzwischen 22 Floh-Läden für Deko-, Bastel- und Geschenkartikel die Bekleidungsgeschäfte.

Zurzeit steht in Rede, in einigen Filialen zusätzlich zu Mode Schuhe anzubieten. Man werde das Sortiment ausbauen, wo es die Ladengröße zulasse, sagt der Geschäftsmann. In Baunatal bei der CBR-Niederlassung am Marktplatz könnte das der Fall sein.

Von Ingrid Jünemann

Zur Person

Karl Fernau (82) stammt aus Ulfen, heute ein Stadtteil von Sontra (Werra-Meißner-Kreis). Er schloss 1948 eine Lehre als Einzelhandelskaufmann ab und sammelte Erfahrungen auf dem Schwarzmarkt. Nach der Währungsreform verdiente er sein Geld als freier Handelsvertreter, Anfang der 50er-Jahre baute Fernau ein Textilversandgeschäft auf, ehe er erste Läden eröffnete. Heute betreibt Charly Fernau 42 Filialen in Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. 150 Mitarbeiter, davon 70 fest angestellt, arbeiten in der Firma mit Sitz und Lager in Fuldabrück-Bergshausen. Fernau, ledig, hat einen Sohn. Lebensgefährtin Larissa Siegel arbeitet an der Uni Kassel. (ing)

Hintergrund

Wasserski, Pferde und alte Autos

Die sportliche Karriere von Karl „Charly“ Fernau ist ebenfalls facettenreich, 1959 war Fernau zum Beispiel deutscher Vizemeister im Wasserski-Slalom. Außerdem führte er einige Jahre den Wassersportclub Alt Kassel. 1968 zog es Fernau zum Reitverein Kassel-Waldau und zur Vielseitigkeitsreiterei, das Hobby übte er bis zum 70. Lebensjahr aus. Seit 1990 gehört die große Liebe den Oldtimern. Ein BMW Dixi von 1928 und ein La France 1919 glänzten bereits im Stall von Fernau, der sich gern in original Kleidung ans Steuer setzt. Heute sind es ein Ford A Roadster von 1930 und ein Buick 1925. Jüngste Errungenschaft ist ein Ford Speedster, Baujahr 1931, den Fernau in Argentinien zusammenbauen ließ. (ing)

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