Helmut Kohls Sohn sprach in Vellmar über sein Buch und den Alt-Kanzler

Anstehen für ein Autogramm: Walter Kohl signiert nach seiner Lesung sein Buch „Leben oder gelebt werden“. Die Zuhörer waren von der Ehrlichkeit des Autors beeindruckt. Fotos: Bassing

Vellmar. Es ist kurz nach halb acht im Bürgerhaus Vellmar. 300 Besucher verstummen, als ein großer, kräftiger Mann mit hoher Stirn und lichtem Haar den Raum betritt. Der „Sohn vom Kohl“, Walter Kohl, ist zu Gast.

Auch wenn er das nicht hören möchte, erinnern seine Statur und sein Auftreten sehr an den Altkanzler Helmut Kohl.

Sein Besuch in Vellmar ist nicht selbstverständlich. Walter Kohl wählt spezifisch aus, wo er aus seinem Buch vorliest und mit welchen Medien er spricht. „Ich musste eine Bewerbung an seinen Verlag schicken und begründen, warum Kohl gerade nach Vellmar kommen soll“, erzählt Katharina Engelhardt, Inhaberin des Bücherecks in Vellmar. Mit dem Literaturverein organisierte sie den Abend.

Für Engelhardt war nach vielen Lesungen mit anderen Autoren klar: In Vellmar gibt es das tollste Publikum, und die Autoren fühlen sich dort sehr wohl. Ihre Begründung überzeugte Kohls Verlag, und aus über 200 Anfragen bekam Vellmar die Zusage.

Walter Kohl war bis vor Kurzem nur wenigen bekannt und litt trotzdem unter der Aufmerksamkeit der Medien. Umso mehr interessierte es die Vellmarer, wieso er sich nun auf der Bühne befindet.

Der 47-Jährige fragte in die Runde: „Wieso schreibt ein Mann ein Buch, der die Medien scheut?“ Wildes Raten im Publikum. Er erzählt: Es gäbe im Leben eines Menschen „Momente, die schwierig sind“ und „Momente der Sackgasse“.

In so eine Sackgasse sei er 2002/2003 geraten. Seine Mutter Hannelore Kohl nahm sich nach langer Krankheit 2001 das Leben. Ihr Tod wurde ihm von der Büroleiterin seines Vaters mitgeteilt und nicht von seinem Vater selbst. Infolge der Tragödie verfolgten Journalisten Walter Kohl bis ans Grab seiner Mutter. Er kam nicht zur Ruhe.

Dann wäre es Zeit gewesen für einen „Richtungswechsel“. Er wollte ein neues Selbstverständnis, Ordnung und Klarheit in sein Leben bringen. Ein Verlagsangestellter riet Kohl: „Schreiben Sie ein Buch.“ Und Kohl schrieb: Insgesamt acht Jahre arbeitete er an seinem Bestseller „Leben oder gelebt werden“.

„Man muss seinen Schmerz auf der gleichen Bühne heilen, wo er auch entstanden ist“, sagt der Autor. Bis in seine Jugend hinein wurde er aus Sicherheitsgründen rund um die Uhr überwacht, war immer und überall dem Interesse der Medien ausgesetzt.

Den Vater bekam er selten zu Gesicht. Die Zuhörer fühlten bei seinen Schilderungen mit, stellten dem Autor immer wieder Fragen zu seiner Kindheit und zu seinem Vater, die er ehrlich und ausführlich beantwortete.

In den 80ern flüchtete Kohl sogar in die USA. Dann fiel die Berliner Mauer, und selbst im fernen Amerika war der Name Kohl in aller Munde. Also wieder flüchten? Nein, er stellte sich der „Bürde“, den Namen Kohl zu tragen und schloss Frieden mit seiner Herkunft. Mit seinem Vater habe er sich heute abgefunden. „Wir haben keinen Kontakt mehr“, sagt er. Selbst zum Buch des Sohns habe sich der Altkanzler nie geäußert.

Von Dominik Buchheit und Jessica Bassing

Zur Person

Walter Kohl (48) wurde in Ludwigshafen geboren und wuchs in Oggersheim in der Pfalz auf. Nach dem Abitur und zwei Jahren als Reserve-Offiziersanwärter bei der Bundeswehr ging er 1985 in die USA. An der Harvard University studierte er Volkswirtschaft und Geschichte. Nach mehr als neun Jahren im Ausland kehrte Kohl 1994 nach Deutschland zurück. Heute lebt der 48-Jährige mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt. Kohl arbeitet als selbstständiger Unternehmer in der Automobilzulieferindustrie. (bas)

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