Lesung im Espenauer Wickehof mit Autorin Hatice Akyün nahm die Zuhörer gefangen

Deutsches Herz und türkische Seele

Mitreißende Lesung: Autorin Hatice Akyün trug aus ihrem neuesten Buch vor und bereicherte die Veranstaltung der Gemeindebücherei Espenau mit vielen persönlichen Anmerkungen. Foto: Binienda-Beer

Espenau. Die Deutschtürkin Hatice Akyün ist nicht mehr auf der Suche nach sich selbst. „Weil ich weiß, mich habe ich ja sowieso immer bei mir.“ Mit entwaffnender Offenheit und feiner Selbstironie ebenso wie mit Temperament, Charme und Humor zog die in Berlin lebende Autorin und freie Journalistin ihre Zuhörer im Wickehof in den Bann.

Vor vollem Haus las die 44-Jährige aus ihrem druckfrischen dritten autobiografischen Buch „Ich küss dich, Kismet!“. Eingeladen hatte die Gemeindebücherei Espenau.

Als Kleinkind nach Duisburg

Hatice Akyün erblickt in der Türkei das Licht der Welt, kommt aber bereits als Kleinkind mit den Eltern nach Duisburg und wächst auf in ihrer Familie, die sich bald zu einer „Mischung aus Ruhrpott und Anatolien“ entwickelt, wie sie selbst nicht ohne liebevollen Unterton sagt.

Irgendwann überkommt Hatice, inzwischen alleinerziehende Mutter auf der vergeblichen Suche nach dem geeigneten Mann, die Midlife-Crisis. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland das umstrittene Sarrazin-Buch die Integrationsdebatte anheizt. Die Deutschtürkin fühlt plötzlich immer türkischer, will weg aus der Bundesrepublik. Da trifft es sich, dass Baba, der Vater, ihr eine kleine Eigentumswohnung am Rande der Bosporus-Metropole zum Geschenk macht. Hatice will nicht länger auf den Kuss des Schicksals (türkisch: kismet) warten, sondern nimmt dieses selbst in die Hand. Sie geht nach Istanbul. Sechs Monate später kehrt sie zurück nach Berlin. An den Bosporus zieht es sie dennoch immer mal wieder.

Wie die Suche der Autorin nach dem türkischen Ich zur Entdeckung ihres letztlich eindeutig deutsch fühlenden Herzens führt, erzählt die Geschichte der versuchten Auswanderung.

Urpersönlicher Kulturführer

Auf ihrem selbstbewussten Weg zwischen zwei Kulturen folgte ihr das Espenauer Publikum mal lachend, mal nachdenklich. Am Ende herzlicher Beifall für einen urpersönlichen Kulturführer. Und den Einblick in die Gefühlswelt von Menschen an der Schnittstelle zwischen zwei kulturellen Welten.

Hatice Akyün drückt ihre Erkenntnis so aus: „Mein deutsches Herz wäre einsam ohne meine türkische Seele.“

Das Buch: „Ich küss dich, Kismet. Eine Deutsche am Bosporus“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 240 S., 14,99 Euro.

Von Dorina Binienda-Beer

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