40 Jahre danach: Für Grete Hohmeister ist das Zugunglück von Gunterhausen bis heute präsent

Dicke Ordner und ein Untier

Guter Engel: Hermann Hohmeister hat seine Frau nie im Stich gelassen. Sie sitzt bis heute im Rollstuhl. Gemeinsam leben die beiden in Breitenbach. Das kleine Archivfoto zeigt die fassungslosen Helfer vor 40 Jahren am Unfallort. Foto:  Meyer(nh)

Baunatal/Bebra. Waggon wurde zu stählernem Sarg“, titelte die Hessische Allgemeine am Tag nach dem Unglück vom 5. November 1973, einem Montag, auf einer Sonderseite und zeigte dazu ein erschreckendes Bild, das die Wucht und Gewalt des Zusammenpralls verdeutlichte. Feuerwehrmänner mit Helm klettern über einen zertrümmerten Waggon, mehrere Männer stehen hilflos daneben. Bei dem schwersten Eisenbahnunglück der vergangenen 25 Jahre in Nordhessen hatte es 13 Tote gegeben, dazu 25 Schwer- und 40 Leichtverletzte. Schwer verletzt wurde bei dem Unglück auch Grete Hohmeister. In ihrem Leben sind die Folgen des großen Unglücks auch 40 Jahre danach noch präsent.

Da ist der Schrank voll dicker Ordner, die den Briefwechsel mit den Krankenkassen beinhalten, da ist der sperrige Rollstuhl.

Und da ist das gemeine Untier: Als würde ein Krokodil ihr in den amputierten rechten Fuß beißen, sagt die 78-Jährige und ahmt mit den Fingern den Griff des Krokodilmauls nach. Der Phantomschmerz ist fast unerträglich und tritt ohne Ankündigung auf, bisweilen mehrmals am Tag.

Gretes Ehemann Hermann umgibt seine Frau im Wohnhaus der beiden in Bebra-Breitenbach wie ein guter Engel. Grete muss nicht „bitte“ sagen, wenn sie etwas braucht. Jede Bemerkung über ihn erzählt von ihrer tiefen Dankbarkeit.

Freude am Malen

„Mein Mann, an dem können Sie sich ein Beispiel nehmen“, erklärt sie. „Sie möchte in jedem Menschen das Gute hervorbringen“, sagt er über sie und lächelt dabei. Liebevoll streicht er ihr über die Haare. „Hat sie nicht schöne Locken?“

Grete Hohmeister ist herzlich, ihr Blick wach und zugewandt. Sie schwärmt von ihren beiden Urenkeln, widmet sich akribisch und mit Leidenschaft den Inhalten der verschiedenen Fernstudiengänge, die sie absolviert hat oder noch absolviert, hat die Freude am Malen entdeckt.

In dem Büchlein, das sie über ihr Leben geschrieben hat, schreibt Grete Hohmeister: „Sie, lieber Leser, werden immer wieder die Bitterkeit heraushören, die aufsteigt, sobald man sich erinnert.“ Von Verbitterung ist Grete Hohmeister aber weit entfernt.

Ohnmächtiger Zorn

Es lässt sich nur erahnen, dass in ihr bisweilen ein ohnmächtiger Zorn auf das Schicksal wüten muss. Zum Beispiel dann, wenn sie trotzig erklärt, dass sie bis zum heutigen Tag Schmerzen hat: „Das ist das Allergemeinste!“ Oder wenn sie im Gespräch Gedanken äußert, die Botschaften aus ihrem Innersten sind: „Vorher waren Sie ein Mensch, dann, im Rollstuhl, sind Sie ein Nichts.“

Kurz darauf kann sie, nicht weniger glaubwürdig, wieder sagen: „Ich sehe immer nur das Schöne.“

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Von Achim Meyer

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