Plattenkamera aus dem Jahr 1871

Diese Holzkamera hat Zeitungsgeschichte geschrieben

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Sein ältestes Stück: Norbert Fasciani führt seine Plattenkamera aus Holz vor. Die sei 1871 gebaut worden, die Herstellerfirma kenne er nicht. Der Sammler ist überzeugt, dass das heute museumsreife Gerät nach dem Zweiten Weltkrieg als Repro-Kamera zur Herstellung von Zeitungsklischees bei den Hessischen Nachrichten, dem Vorläufer der HNA, eingesetzt wurde.

Söhrewald/Kassel. Fotografieren war anno dazumal eine aufwendige Angelegenheit. Anders als heute, wo Digitalkameras das Einstellen von Blende, Schärfe und Belichtungszeit abnehmen. Wie es früher ging, zeigt Norbert Fasciani an seinem ältesten Fotoapparat.

Dabei handelt es sich um eine Plattenkamera aus Holz von 1871 mit Schweizer Objektiv. Durch das Ausziehen eines ziehharmonikaartigen Balges wurde die Lichtmenge reguliert, die auf die Fotoplatte fiel. Die Blende musste durch das Einstecken verschieden großer Lochstreifen aus Metall eingestellt werden. „Dafür hat die Kamera eine traumhaft hohe Auflösung“, sagt Fasciani.

Die Holzkamera gehört zu einem Fundus von 230 alten Fotoapparaten, die der Söhrewalder über Jahrzehnte gesammelt hat. Fasciani ist überzeugt, dass sein ältestes Stück sogar ein Stück Zeitungsgeschichte geschrieben hat: Die Holzkamera sei als Repro-Kamera zur Fertigung der Druckvorlagen für die ersten Ausgaben der Hessischen Nachrichten, eines Vorläufers der HNA, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt worden. Das habe ihm der 2009 verstorbene HNA-Reprofotograf Reinhard Grunewald erzählt. Von diesem habe er das gute Stück erworben. „Beweisen kann ich es allerdings nicht“, sagt Fasciani, der hofft, dass sich vielleicht noch Zeitzeugen melden.

Der Söhrewalder ist seit seinem 14. Lebensjahr begeisterter Hobbyfotograf. „Es hat mit einer geschenkten Kamera begonnen“, sagt der heute 64-Jährige. Während seiner beruflichen Karriere als Gymnasiallehrer entstanden seine aufregendsten Schwarz-Weiß-Fotos: Fasciani war zehn Jahre Lehrer an einer deutschen Schule im südamerikanischen Staat Ecuador. Dort dokumentierte er das Alltagsleben der Indianer. Eine Reihe von Ausstellungen im In- und Ausland folgten. Zuletzt habe er seine Fotos während der Wiedereröffnung des Kasseler Naturkundemuseums gezeigt, berichtet der Söhrewalder.

Fotoapparat im Brieftaschenformat: Diese japanische Plattenkamera Fascianis wurde speziell für rasende Reporter entwickelt.

Während seines Aufenthalts in Ecuador hat Fasciani, der zuletzt an der Freiherr-vom-Stein-Schule unterrichtete, seine Sammlung an alten Kameras ständig vergrößert. „Ich habe sogar gelernt, Kameras zu reparieren“, sagt er. Viele Stücke aus den längst vergangenen Glanzzeiten der deutschen Kameraindustrie, wie Modelle von Leica und Rollei, sind dabei. „Das Waren mechanische Wunderwerke“, schwärmt Fasciani.

Nach 40 Jahren Sammlerleidenschaft soll jetzt aber Schluss sein. Fasciani löst seine Sammlung mit vielen Raritäten nach und nach auf. Das Interesse an den alten Kameras sei groß, sagt der Söhrewalder. Einen Apparat habe er sogar nach China veräußert, erzählt er. Fasciani, dessen Mutter Kasselanerin ist, will demnächst seinen Wurzeln nachspüren. Sein gestorbener Vater sei als italienischer Kriegsgefangener als Zwangsarbeiter in Kassel eingesetzt gewesen, erzählt er.

Von Peter Dilling

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