Interview: Katja Grieger über gewalttätige Männer und Frauenberatungsstellen

Neu ist die digitale Bedrohung

Katja Grieger Foto: Habich

Baunatal. Gewalt gegen Frauen war das Thema einer Bezirksfrauenkonferenz der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) Hessen-Nord in Baunatal. Wir sprachen mit der Gastreferentin Katja Grieger vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Hat das Thema Gewalt gegen Frauen in der modernen Gesellschaft überhaupt noch einen hohen Stellenwert?

Katja Grieger: Junge Frauen fühlen sich heute emanzipierter. Das macht es für viele unattraktiv, sich mit einem Thema zu beschäftigen, bei dem sie als Opfer betrachtet werden. Aber immer noch erlebt jede vierte Frau einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt. Jede siebte Frau wird einmal in ihrem Leben Opfer von schwerer sexueller Gewalt.

Lassen sich emanzipierte Frauen weniger gefallen?

Grieger: Zum Teil. Im Zuge der Gleichstellung kann aber auch die Gewalt bei Männern zunehmen, weil ihnen ihre Privilegien genommen werden. Eine Studie hat herausgefunden, dass es ein Risikofaktor für häusliche Gewalt ist, wenn Frauen mehr verdienen als ihr Partner. Es gibt Frauen, die sind gut gebildet und erfolgreich im Beruf und werden zu Hause von ihrem Mann geschlagen, der damit nicht klarkommt. Diese Frauen suchen Beratungsstellen oft weit entfernt von ihrem Wohnort auf, um anonym zu bleiben. Sie fürchten um ihren Ruf.

Welche weiteren Veränderungen gab es in jüngerer Zeit?

Grieger: Dazugekommen ist die Form von digitaler Gewalt. Es ist bei jungen Mädchen und Frauen heute durchaus üblich, dass sie ihrem Partner auch mal intime Fotos schicken. Wenn sie sich dann trennen, kommt es vor, dass er die Fotos ins Netz stellt oder sie erpresst: Wenn du nicht machst, was ich will, stelle ich das Bild bei Facebook rein.

Wo kommt Gewalt gegen Frauen am häufigsten vor?

Grieger: Am häufigsten sind Gewalttaten in der Familie, in Partnerschaften und vor allem Expartnerschaften. Die Gewalt hat oft viel damit zu tun, dass Männer einen Macht- und Kontrollanspruch gegenüber ihrer Frau wollen. Die werden gefährlich, wenn die Frau sagt, es reicht mir, ich gehe.

Gibt es Unterschiede je nach sozialer Schicht?

Grieger: Das Vorurteil, dass Gewalt in den sozial unteren Schichten häufiger vorkommt, stimmt jedenfalls nicht. Es fällt dort möglicherweise nur eher auf, weil die Wohnungen hellhöriger sind und Nachbarn häufiger mal die Polizei rufen. Im abgeschotteten Villenviertel merken die Nachbarn nichts.

Was sind das für Männer, die Gewalt anwenden?

Grieger: Zunächst einmal nicht alle und Gott sei Dank nicht die meisten. Es hat damit zu tun, ob sie ihr Verhältnis zu Frauen durch ein Überlegenheitsgefühl definieren. Wenn Männer in der Kindheit von ihren Eltern misshandelt wurden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie es später auch tun. Es ist aber immer auch eine Entscheidung, zum Täter zu werden. Nur deshalb helfen ja auch Täterkurse.

Was sind das für Kurse?

Grieger: Das sind soziale Trainingskurse. Sie können Männern helfen, mit der Gewalttätigkeit aufzuhören. Das liegt im Interesse von Frauen, die sich nicht von einem solchen Partner trennen wollen. Und im Interesse der nächsten Partnerin dieses Mannes.

Hilfe bei: Vereine Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel, Telefon 05 61/4 91 04 34.

Von Irene Habich

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