Wie du und doch anders

Mütter und Töchter stehen in einem ambivalenten Verhältnis zueinander

„Das, was wir in unsere Töchter reinstecken, kommt auch irgendwann wieder raus“: Autorin Dorothee Döring beim Frauenempfang des Landkreises Kassel.

Kreis Kassel. Sie ist die erste Bezugsperson, und sie prägt das Selbstbild: Mütter sind wichtige Personen im Leben von Töchtern. Aber auch die Töchter spielen für die Mütter eine große Rolle. Der Frauenempfang des Landkreises Kassel beschäftigte sich einen Abend lang mit diesem Verhältnis.

Der Satz kommt hervor, da war noch nicht ganz zu Ende gedacht, was er eigentlich bedeutet: „Ich habe jetzt auch ein bisschen Angst.“ Und auch, wenn Sabrina Strube danach lacht, flackert in ihrem Blick etwas Unsicherheit mit. Die 32-Jährige hatte an das zukünftige Verhältnis zwischen ihr und ihrer jetzt dreijährigen Tochter gedacht.

Anlass für Strubes Angst war Dorothee Döring. Die Autorin aus Kempen am Niederrhein hat am Donnerstagabend beim Frauenempfang des Landkreises Kassel über das Mutter-Tochter-Verhältnis gesprochen - es war die Rede von Neid, Ablehnung und Konflikten.

„Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist die wichtigste in unserem Leben“, sagte sie zu den knapp 200 Zuhörerinnen, die ins Hermann-Schafft-Haus nach Kassel gekommen sind. „Und doch ist sie geprägt von überzogenen Erwartungen, Misstrauen und negativen Gedanken.“

Mythos der Perfektion 

Grund ist für die 65-Jährige der Mythos, dass die Mutter eine perfekte Tochter und die Tochter eine perfekte Mutter haben möchte. „Das ist aber unmöglich.“ Aus eigener Erfahrung mit ihren Zwillingsmädchen weiß sie jedoch, dass diese Erwartungen da sind.

Und während die Tochter der Mutter irgendwann anfängt vorzuwerfen, alles falsch zu machen, möchte die Mutter ihr Kind vor all den Fehlern schützen, die es zu begehen bereit ist.

Unterhielten das Publikum mit Liedern, die das Mutter-Tochter-Verhältnis beleuchteten: Julia Reingardt (links) und Claudia Riemann. Fotos: Wüstefeld

Ein weiterer Grund für den Konflikt: Die unterschiedlichen Generationen von Mutter und Tochter. „Da werden automatisch die Rollenbilder vermittelt, die die Mutter kennt“, macht Döring deutlich. Ursula Neubauer und Elfriede Münz können das bestätigen. Beide sind über 60 und haben Töchter großgezogen. „Mir ist heute richtig bewusst geworden, wie viel doch der Generationenunterschied ausmacht“, sagt Neubauer. „Zudem habe ich festgestellt, dass meine Position gegenüber meiner eigenen Mutter eine ganz andere war, als die, die ich als Mutter gegenüber meiner Tochter eingenommen habe.“

Keine Kopie 

Zustimmung und einige Lacher gab es aus dem Publikum, als Dorothee Döring den Satz aussprach, den keine Tochter während des Abnabelungsprozesses hören will: „Du bist ja wie deine Mutter.“ Sie wollen nicht als eine jüngere Kopie gelten, sondern als eigenständiges Individuum, sagt Döring Aber auch bei den Müttern löst diese Aussage Unbehagen aus: Ihnen wird so deutlich gemacht, dass „ihre Zeit gezählt“ ist und sie älter werden, während ihr Kind aufblüht und das Leben noch vor sich hat.

Döring hat für die Spannungen einen Lösungsvorschlag: „Man muss die Gefühle des anderen anerkennen, ihn als eigenständigen Menschen sehen.“ Und sich an drei S halten, wie es viele der Zuhörerinnen dem Nicken nach zu beurteilen bereits tun: „Schauen, Schenken, Schweigen.“

Von Constanze Wüstefeld

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