Drohender Lohnschnitt: Mitarbeiterin der Baunataler Diakonie erhebt Vorwürfe

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Anne Conrad: Die bisherige Mitarbeiterin der Diakom, eines Tochterunternehmens der Baunataler Diakonie Kassel, übt heftige Kritik am Arbeitsklima und der Wertschätzung ihrer Tätigkeit.

Baunatal/Kassel. Am frühen Nachmittag sitzt Anne Conrad bei einer Tasse Kaffee in der Küche ihrer schmucklosen Wohnung in Kassel. Bis vor kurzem war sie um diese Zeit noch an ihrem Arbeitsplatz bei der Diakom in der Schillerstraße, der Behindertenwerkstatt für psychisch erkrankte Menschen der Baunataler Diakonie Kassel (BDK). Doch die 42-Jährige hat inzwischen gekündigt.

Das zunehmend schlechte Arbeitsklima durch die Diskussionen über geplante Einschnitte für die Beschäftigten beim Leistungslohn hätte bei dieser Entscheidung eine große Rolle gespielt, sagt Conrad.

Die Verhandlungen über die Lohnkürzungen haben zu großer Unruhe in den Werkstätten geführt. Das räumt auch der Vorsitzende des Gesamtwerkstattrats, Markus Gepperth, ein. Conrad berichtet von erregten Diskussionen an ihrem Arbeitsplatz. Es gebe „Zukunftsangst“ unter den Mitarbeitern. „Viele leiden aber auch im Stillen“, sagt die 42-Jährige. „Es gibt finanzielle Ängste. Es herrscht schlechte Stimmung. Das ist nicht auszuhalten“, ergänzt sie.

Dabei sei der finanzielle Einschnitt bei ihr selbst nicht einmal so schlimm wie bei vielen anderen, die auf Sozialhilfe angewiesen seien. Oder die als beide in der Werkstatt arbeitende Eheleute doppelt von der Kürzung betroffen seien, sagt Conrad und fügt hinzu. „Denen tut schon eine Kürzung von 20 Euro sehr weh.“

Die 42-Jährige erhält eine Erwerbsunfähigkeitsrente von 585 Euro, 43 Euro Wohngeld und gut 200 Euro für ihre Arbeit bei der Diakom. Von diesem Einkommen gehen 353 Euro für die Miete ab. Und ihr Mittagessen bei der Diakom muss sie selbst bezahlen, weil sie knapp über der sozialgesetzlichen Schongrenze liegt. Dabei habe ihr der Arzt dieses Mittagessen wegen ihrer Essstörung dringend angeraten.

Ein Urlaub oder eine von der Diakom angebotene Freizeit seien für sie aus finanziellen Gründen nicht erschwinglich, sagt Conrad. Fernsehen, Radio und Internet habe sie auch schon abgemeldet.

Die 42-Jährige wirft der BDK vor, sich nicht rechtzeitig genug um die schlechter werdende wirtschaftliche Situation der Werkstätten gekümmert und gegengesteuert zu haben. Sie ärgert sich aber nicht nur über die Einkommenseinbuße. „Ich finde es traurig, dass meine Arbeit nicht geachtet wird“, sagt die Kasselerin. Sie habe sich in der Werkstatt vorhalten lassen müssen, dass die Beschäftigung für sie hauptsächlich ein therapeutischer Gewinn sei und ihr als behindertem Menschen helfe, eine Tagesstruktur aufzubauen. Die 42-Jährige findet das ungerecht. Auch als Behinderte habe sie Anspruch, sich etwas leisten zu können, wenn sie einer Arbeit nachgehe.

Anstrengende Tätigkeit

Außerdem sei die Arbeit beispielsweise im Garten- und Landschaftsbau, anstrengend. „Die müssen richtig schuften“, sagt Conrad. Die Arbeit in den Werkstätten müsse besser bezahlt und der Lohn nicht noch gekürzt werden.

Von Peter Dilling

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