Die Viehmännin, wichtigste Märchenzuträgerin der Brüder Grimm, hat nicht nur Wurzeln in Rengershausen

Kurt Kümmel holte Wurzeln Dorothea Viehmanns wieder ans Licht

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Märchen für die Nachwelt: Die Darstellung nach einem Holzstich von Louis Katzenstein mit der sitzenden Dorothea Viehmann, die ihre Zuhörer – darunter die Brüder Grimm – um sich schart, befindet sich heute in Berlin. Möglicherweise hatte die junge Dorothea Pierson auch einige Geschichten in Kirchbauna gehört, wo die Vorfahren mütterlicherseits ein Gasthaus betrieben.

Baunatal. Dorothea Viehmann (1755-1815), die wichtigste Märchenlieferantin der Brüder Grimm, stammte zwar von der Knallhütte bei Rengershausen, aber ihre Spuren finden sich auch in Kirchbauna.

Dass diese Verbindung noch intensiver war als bisher bekannt, davon ist Kurt Kümmel überzeugt. Der 76-Jährige recherchierte für den Eco-Pfad Kirchbauna-Hertingshausen zu den alten Gasthäusern an der Frankfurter Straße. Dort spielten die Spangenbergs eine wichtige Rolle – mütterlicherseits die Vorfahren von Dorothea Viehmann.

Dorothea Viehmann im Regiowiki

Vor allem geschichtsinteressierten Menschen war zwar geläufig, dass Dorothea Pierson, wie sie vor der Heirat hieß, von den Spangenbergs abstammte – ein Familienname, der bis heute im Dorf existiert. Kümmel erlebte aber auch viel Verblüffung als Reaktion auf seine Recherchen: „Die sind ja verwandt!“, solche und ähnliche Worte des Erstaunens hörte er oft.

Kümmel holte Folgendes wieder ans Licht: Dorotheas Mutter Martha Gerdrauth Pierson, geborene Spangenberg, war am 18. März 1746 in Kirchbauna im Gasthaus Baune zur Welt gekommen, wurde in der alten Kapelle – Vorgänger der Wehrkirche – getauft und später auch getraut. Das belegen Einträge in den Kirchenbüchern und Zeugnisse im Baunataler Stadtarchiv.

Verwunschenes Plätzchen: Die Steinbrücke aus dem 18. Jahrhundert im Verlauf der Schützenstraße bei Kirchbauna. Als der Übergang gebaut wurde, lebte Dorothea Viehmann noch.

Die Ehe mit Johann Isaac Pierson, der hugenottischer Abstammung war und das Gasthaus auf der Knallhütte betrieb, schloss sie deshalb in Kirchbauna, weil sich hier die Mutterkirche der Filialgemeinde Rengershausen befand. Die kleine Dorothea, geboren am 8. November 1755, ging zwar in Rengershausen zur Schule, aber Konfirmandenunterricht und Einsegnung der Pierson-Tochter fanden 1769 in Kirchbauna statt. Kümmel vermutet ferner, dass sie auch in Kirchbauna getauft worden war.

Zu Besuch beim Großvater

Dorothea dürfte in jungen Jahren oft bei der Familie Spangenberg zu Gast gewesen sein. Zwar war die Oma schon fünf Jahre vor der Geburt der Enkelin gestorben (1750), doch lebte der Großvater Jacob Spangenberg bis 1776. Und sogar die Urgroßeltern Jacob und Martha Spangenberg, die 1763 und 1757 starben, hat das kleine Mädchen noch erlebt.

„Also hatte Dorothea in der frühen Jugend starke verwandtschaftliche Verbindungen nach Kirchbauna“, sagt Kurt Kümmel. Und er folgert daraus: „Ob sie da einige ihrer Märchen erzählt bekam, ist nicht überliefert, aber auch nicht ausgeschlossen.“

Die meisten Geschichten, die sie später den Grimms zutrug, hat sie wohl von Fuhrleuten auf der Knallhütte übernommen oder ihren französischen Wurzeln zu verdanken. Aber auch im Gasthaus Baune, das wie die Knallhütte an der Frankfurter Straße lag, dürften viele Reisende Station gemacht und Anekdoten erzählt haben, die Dorothea womöglich aufschnappte oder in der Familie hörte.

Der Bereich, wo das 1820 abgebrannte Gasthaus Baune stand, gehört nun zu den Stationen des Eco-Pfades. Alte Fotos und Darstellungen hat uns Kurt Kümmel fürs Internet zur Verfügung gestellt.

Von Ingrid Jünemann

Die Spuren von Dorothea Viehmann in Kirchbauna

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