Eine Botschafterin für die Kultur

Vellmar. Leuchtendes Lila mit lindgrünen Lettern für Veranstaltungen im Kulturzentrum Piazza, Gelb mit weißer Schrift für das Festival Sommer im Park - ab sofort wirbt die Straßenbahn Nummer 462 im Liniennetz der KVG zwei Jahre für diese Vellmarer Kultur-Veranstaltungen.

Diese können mit dem kostenlosen Kombi-Ticket angesteuert werden. „Es gibt keine effizientere Werbung als die Straßenbahn“, betonte KVG-Vorstandsmitglied Dr. Thorsten Ebert bei der Präsentation im Betriebshof Wilhelmshöhe.

Deshalb ist die neue Vellmarer Bahn längst nicht der einzige Werbeträger. 63 der insgesamt 79 Straßenbahnen, die das 85 Kilometer lange Streckennetz der KVG befahren, sind mit Werbung bedeckt. Dabei entfallen vom Netz 60 Prozent auf die Stadt Kassel, 40 Prozent auf den Landkreis.

Die Tram, mit der zum Beispiel der KSV Hessen Kassel wirbt, ist längst Kult bei den Löwen-Fans, weiß Michael Oelemann, Bereichsleiter Unternehmenskommunikation bei der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV). Durch seine Hände gehen alle Entwürfe, die später auf den Trams zu sehen sind. Oelemann prüft, ob die Vorstellungen des Kunden überhaupt umgesetzt werden können. Denn die Straßenbahn kann nicht wahllos beklebt werden. 25 Prozent Fläche sind das Limit. Verstärkt geachtet wird bei der KVG auch darauf, dass das Sichtfeld der Fahrgäste nicht durch Werbung versperrt wird.

Bis eine neue Werbe-Tram startet, ist es für die Kunden - fast alle kommen aus der Region - ein weiter und oft auch kostspieliger Weg. Ein typischer Ablauf kann laut Oelemann so aussehen: Der Kunde beauftragt einen Grafiker, der seine Wünsche umsetzen soll.

Der lädt sich aus dem Internet die Vorlagen der KVG herunter, um die Folien, die später auf die Bahn geklebt werden, passgenau entwerfen zu können. Hat Oelemann den Entwurf abgesegnet, geht dieser zu einer Spezialfirma, die die Folien herstellt und anbringt.

Allein das Bekleben der neuen Vellmar-Bahn dauerte zehn Stunden, erklärt Matthias Breitschuh von der Agentur Insignio. Denn das Aufbringen ist anspruchsvolle Arbeit, weil die Folien auf dem Lack geschnitten werden. Bis zu 10 000 Euro kostet den Kunden die Ganzbeschriftung einer Straßenbahn vom Entwurf bis zur Umsetzung. „Deshalb sind Laufzeiten für die Werbung auf den Trams unter einem Jahr selten“, sagt Oelemann. Die Lebensdauer einer Werbefolie liegt bei fünf bis sieben Jahren.

Verspiegelte Bahn als Renner

Absoluter Renner bei den Werbetrams war laut Oelemann bislang eine komplett verspiegelte Straßenbahn, die 1992 während der documenta 9 unterwegs war. Aber es habe auch schon Entwürfe gegeben, die nicht umgesetzt werden konnten, erzählt der NVV-Bereichsleiter. So wollte ein Kasseler Reifenhandel einmal eine Tram mit einem riesigen schwarzen Reifen bekleben und dazu den Slogan „Schwarzfahren ist geil!“ auf die Straßenbahn drucken. „Das ging dann gar nicht.“

Gute Einnahmequelle für die KVG

Die komplette Anwerbung der Kunden für die KVG wickelt die „Ströer Deutsche Städte Medien“ ab, eine Tochtergesellschaft der Unternehmensgruppe Ströer Media Deutschland GmbH. Sie vermarktet für die KVG die einzelnen Trams. Nach Abzug einer Provision reicht sie die Einnahmen an die KVG weiter.

Dagegengerechnet müssen von der KVG jedoch die nicht unerheblichen Kosten unter anderem für Wartungsarbeiten und Standzeiten der Trams, die einen Teil der Einnahmen wieder auffressen.

Startschuss: Die neue Vellmar-Bahn, die für die Kleinkunstbühne Piazza und das Festival Sommer im Park wirbt, steht startbereit im KVG-Betriebshof Wilhelmshöhe. Plakate der Künstler präsentieren (von links) KVG-Vorstand Dr. Thorsten Ebert, Vellmars Bürgermeister Dirk Stochla, Pia Bluhm (Stadt Vellmar), Constance Bimber (KVG) und Gerhard Klenner (Stadt Vellmar).

Laut der aktuellen Ströer-Preisliste im Internet für Transportmedien in Kassel kostet die Ganzgestaltung einer achtachsigen Straßenbahn den Kunden - zum Beispiel befristet auf ein Jahr - pro Monat 2950 Euro (35 400 Euro pro Jahr). Wählt der Kunde eine Laufzeit von 36 Monaten wird es preiswerter: Dann kostet der Monat 1992 Euro (auf drei Jahre gerechnet knapp 72 000 Euro).

Rechnet man die Laufzeit von drei Jahren auf die 63 beschrifteten KVG-Bahnen hoch, kommt man auf eine Summe von etwas über 4,5 Millionen Euro.

Diese Ströer-Servicepreise enthalten auch Montage und Entfernung des Werbemittels.

Die KVG selbst wollte keine offiziellen Zahlen nennen. (swe)

Von Stefan Wewetzer

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