Fachstelle von Stadt und Kreis Kassel vermittelt seit zehn Jahren Pflegekinder in ein neues Zuhause

Eine ganz normale Familie

Familie mit Kind: Viele Eltern erfüllen sich den eigenen Kinderwunsch, indem sie zur Pflegefamilie werden. Unser Bild entstand in Frankfurt. Archivfoto: dpa

Kreis Kassel. Als Andrea und Michael Wilberg vor neun Jahren das Kreishaus Kassel aufsuchten, wollten sie sich eigentlich um eine Adoption bewerben. Der freischaffende Künstler und die Ergotherapeutin konnten keine eigenen Kinder bekommen, der Wunsch nach Familie war trotzdem groß. Die Adoption erwies sich als schwierig, und kurze Zeit später fanden sich die beiden auf einer Informationsveranstaltung für Pflegefamilien wieder. Inzwischen leben bei ihnen eine neunjährige Pflegetochter und ein sechsjähriger Pflegesohn.

Vor zehn Jahren wurde die gemeinsame Fachstelle Adoptionen und Pflegekinder von Stadt und Landkreis Kassel eingerichtet. Seitdem hat sie über 300 Pflegekinder in 200 Pflegefamilien vermittelt. „Dadurch, dass wir die Fachstelle gemeinsam betreiben, haben wir mehr Auswahl unter den geeigneten Familien. So ist es leichter, die Kinder passend zu vermitteln“, sagt Thomas Strecker, Leiter der Fachstelle.

Pflegefamilien müssen bestimmte Rahmenbedingungen erfüllen, ein Grundeinkommen haben und ein polizeiliches Führungzeugnis vorweisen. Darüber hinaus wird berücksichtigt, welches Kind zu welcher Familie passt.

Wenn Kinder in unzumutbaren Zuständen leben, Gewalt oder Missbrauch ausgesetzt sind, wirkt die Fachstelle darauf hin, sie aus ihrer leiblichen Familie zu nehmen. Viele Eltern seien damit einverstanden, manchmal müsse mit dem Gesetz gedroht werden, sagt Strecker. Anders als bei einer Adoption werden Pflegekinder dann in neuen Familien untergebracht, offiziell bleiben aber die leiblichen Väter und Mütter Eltern. Ziel ist es, den Kontakt zu ihnen aufrechtzuerhalten.

So wird die Pflegetochter der Wilbergs regelmäßig von ihrer leiblichen Mutter besucht. Weil die Frau drogenabhängig war, wurde das Mädchen kurz nach seiner Geburt in einer Bereitschafts-Pflegestelle untergebracht und kam von dort im Alter von elf Monaten zu den Wilbergs.

Seit die leibliche Mutter nicht mehr suchtkrank ist, könnte sie theoretisch versuchen, ihr Kind von den Wilbergs zurückzufordern. „Es gab auch eine Phase, in der wir diese Sorgen hatten“, sagt Michael Wilberg. Man habe sich aber geeinigt, dass die Situation so für alle am besten sei. Auch die leibliche Mutter von Wilbergs Pflegesohn war drogenabhängig. Der Kontakt ist inzwischen abgebrochen, was Wilbergs bedauern. „Wir gehen offen mit unserer Familiensituation um“, sagt Michael Wilberg. „Manchmal fragen die Leute, weil die Kinder uns nicht ähneln. „Ich sage dann einfach: Das ist mein Pflegesohn.“

Pflegeeltern bekommen Geld, wenn sie Kinder aufnehmen. In Hessen sind es je nach Alter 473 bis 628 Euro für die Grundversorgung, dazu kommen 220 Euro Erziehungsgeld pro Kind. „Sie sind so etwas wie eine halb professionelle Einrichtung“, sagt Stadträtin Anne Janz vom Jugend-Dezernat. Andrea und Michael Wilberg finden: „Wir sind eine ganz normale Familie.“

Von Irene Habich

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