Großes Wiedersehen 21 Ehemaliger in Niedervellmar 69 Jahre nach der Einschulung

Eine Schulzeit im Krieg

Der Eingang wurde verlegt: Wo sich heute der Anbau mit der Küche des Vellmarer Hofs befindet, war in der Schulzeit der Ehemaligen der Eingang der Volksschule Niedervellmar. Fotos:  Wienecke

Vellmar. „Als Heimatvertriebene kam ich mit meiner Familie aus dem ungarischen Csibrák nach Niedervellmar“, erinnert sich Maria Klein. „Ich wurde herzlich aufgenommen und habe mich gut eingelebt“, berichtet die 75-Jährige.

Mit 20 ihrer ehemaligen 37 Mitschüler traf sie sich nun im Vellmarer Hof wieder. Nur wenige Fotos erinnern daran, dass das Gebäude einmal eine Schule war. „Gleich hier war unser Klassenzimmer“, sagt Walter Dornemann beim Betreten der Gaststätte.

Schule wurde geschlossen

„Wir wurden als Sechsjährige im September 1942 eingeschult“, erläutert die Organisatorin des Treffens, Ingrid Ullrich-Sostmann. „Im Oktober 1943 gab es den großen Angriff auf Kassel. In unserer Schule lagen Verletzte, sie wurde dann wie in Obervellmar geschlossen“, sagt die 74-Jährige.

Nur noch Not-Unterricht

Not-Unterricht gab es bei der beliebten Lehrerin Francis Villmar in Frommershausen für Kinder, deren Eltern sie dort freiwillig hinschickten.

„Am Heckengraben, der heutigen Hermann-Schafft-Straße, ereilte uns ein Tieffliegerangriff. Er galt der Munitionsfabrik, die sich dort befand, wo heute die Kaserne steht“, erinnert sich Ingrid Ullrich-Sostmann. „Andere Kinder fuhren mit dem Zug nach Speele zum Unterricht, doch die Bahnstrecke wurde bombardiert.“

Im Oktober 1945 fing der Unterricht in Niedervellmar wieder an. „Wir waren plötzlich im vierten Schuljahr. Nicht alle konnten lesen“, erzählt Günter Kern aus Niedervellmar.

„Meine Mutter hat jeden Tag eine Stunde lang mit mir geübt“, berichtet er. „Jedes Kind bekam eine Tafel und einen Griffel, ein Schreibheft und eine Art Füllhalter mit einer Glasfeder. Damit konnte man eigentlich nur Kleckse machen und nicht schreiben“, ergänzt Ingrid Ullrich-Sostmann. „Die Lehrer waren in Gefangenschaft, wir hatten eine ganz junge Lehrerin aus Prag und lernten viel über ihr Land. Einige Lehrer kamen auch aus der Rente zurück“, sagt sie.

Auch für einen Klassenstreich blieb in der Schulzeit noch Gelegenheit. Da ein versprochener Ausflug von einer Lehrerin immer wieder verschoben wurde, gingen die Schüler allein auf den Warteberg und kamen viel zu spät zum Unterricht. „Wir hatten abwechselnd vor- und nachmittags Schichtunterricht, da die Räume für die Klassen nicht ausreichten“, erläutert Ingrid Ullrich-Sostmann. „1946 kamen Kinder aus Ungarn, Tschechien und dem Sudetenland in unsere Klasse.“

Tränen beim Umzug

Maria Klein aus Ungarn hat sich schließlich so gut in Niedervellmar eingelebt, dass sie bei ihrem Umzug nach Niederkaufungen Tränen vergoss.

Die weiteste Anreise zu dem Wiedersehen, zu dem auch ein Besuch des Heimatmuseums im Obervellmarer Hof Helse gehörte, hatte Elisabeth Heydemann. Sie reiste 420 Kilometer weit aus Elchingen im Landkreis Neu-Ulm an.

Von Bettina Wienecke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.