Verfahren im Nachbarschaftsstreit am Kammerberg eingestellt – Angeklagter akzeptiert alte Haftstrafe

Überraschende Wendung im Nachbarschaftsstreit am Kammerberg

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Musste sich erneut vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten: Der 64-jährige ehemalige Kaufmann hatte über Jahre seine Nachbarschaft tyrannisiert.

Ahnatal. Ein heftiger Nachbarschaftsstreit am Kammerberg in Weimar beschäftigt die Kasseler Justiz seit Jahren. Am Montag sollte ein neues Verfahren gegen den 64-jährigen Hauptakteur beginnen. Doch dann gab es eine überraschende Wendung.

Das Verfahren wurde eingestellt. Allerdings musste der ehemalige Kaufmann, gegen den aktuell fünf Anklagen vorlagen, als Gegenleistung ein Urteil in einer ähnlichen Sache aus dem Jahre 2006 akzeptieren, gegen das er Berufung und später auch noch Revision eingelegt hatte. Damals war er zu einer 15-monatigen Haftstrafe verurteilt worden.

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Beleidigung und Sachbeschädigung in zig Fällen wurden dem Rentner, der seit 1971 in einem Haus am Kammerberg wohnt, vorgeworfen. Was so nüchtern klingt, war für seine Nachbarn eine wahre Tortur. So legte er einigen von ihnen selbstgefertigte Krampen vor die Autoreifen, die dann noch rechtzeitig entdeckt wurden. Oder er beschimpfte seine Nachbarn, die er im Gerichtssaal nur „Anwohner“ nannte, übel. „Dreck“, „Abschaum“ oder „Schlampe“ waren noch die harmlosesten Begriffe, mit denen er um sich warf.

Fiel ihm verbal nichts mehr ein, griff er zu Eiern, Tomaten oder Joghurt und zielte damit auf Häuser und Autos. Aufmerksamkeit erregte er auch durch ein im Garten aufgestelltes Kreuz oder die Beschallung mit „Indianermusik“. „Mir wurde Satanskult vorgeworfen, doch das stimmt nicht, ich bin Christ und glaube an die katholische Kirche“, begründete er diese Aktionen am Montag.

„Ich bedauere das Ganze sehr, ich bin nicht unschuldig“, zeigte er sich einsichtig. Doch auch die „Anwohner“ hätten sich schuldig gemacht, deshalb landeten bei der Staatsanwaltschaft diverse Anzeigen von ihm. Inzwischen „verhalte ich mich ruhig.“ Doch Staatsanwalt Jan Uekermann erinnerte ihn daran, dass er erst vor Wochen erneut wegen angeblicher Beleidigung Anzeige gegen einen Nachbarn erstattet hat.

Richter Matthias Grund verlas ein Schreiben der Psychologin, bei der der Angeklagte sich in Behandlung gefindet. Sie konnte keine Persönlichkeitsstörung, sondern lediglich eine „Anpassungsstörung“ feststellen. Und attestierte ihm ein „für seine Altersgruppe ungewöhnliches Verhalten und Auftreten“.

Der 64-Jährige saß bereits hinter Gittern. Ob er die 15-monatige Haftstrafe von 2006 absitzen muss, ist ungewiss, denn sein Gesundheitszustand ist schlecht. So war ein Tumor entfernt worden, er wurde wegen Nierenversagens behandelt und laboriert an einer Knie-Erkrankung.

Richter Grund fragte ihn, ob sich die Probleme mit seinen Nachbarn nicht am besten dadurch lösen lassen, dass er sein Grundstück verkauft und an einen anderen Ort zieht. „Das ist meine Heimat, mein Zuhause“, entgegnete der Angeklagte, ein Umzug komme für ihn „nicht in Betracht“. (pas)

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