Renate Müller hört nach 37 Jahren bei VW auf

Für Respekt am Ball: Auch für eine Aktion, die bei VW Toleranz untereinander fördern soll, machte sich Renate Müller – hier im ihrem Büro – stark. Foto: Jünemann

Baunatal. „Mädchen, bei mir musste arbeiten, um Dich durchzusetzen“, sagte der Chef in der gewerblich-technischen Ausbildung, die sie als eines der ersten vier Mädchen bei VW durchlief. Das hat Renate Müller beherzigt.

Und zwarsowohl im Werkzeugbau als auch im Betriebsrat von VW, dem sie seit 1981 angehört, ab 2006 als stellvertretende Vorsitzende. Auch auf diesem Posten war sie übrigens die erste Frau. Heute hat die 57-Jährige den letzten Arbeitstag, am Freitag wird sie verabschiedet.

Schon vor der Lehre war Müller der IG Metall beigetreten, während der Ausbildung bei VW zog sie in die Jugendvertretung ein. Ihre Erfahrungen als erste Frau im Fachbereich Werkzeugbau, die im Schichtbetrieb arbeitete, was damals mancher Kollege nur schwer akzeptiert habe, führten dazu, dass sich Müller auch im Betriebsrat stets für die Frauen einsetzte. Die sollten in einer männlich dominierten Industrie ebenfalls qualifizierte, vernünftig bezahlte Arbeitsplätze haben.

Kurzclip: Renate Müller

„Was will denn das Mädchen hier?“ – sogar in der Arbeitnehmervertretung, in die sie mit Mitte 20 kam, sei es anfangs nicht einfach gewesen, sagt Müller. Aber sie setzte sich durch bis hin zur Stellvertreter-Funktion – „da ist man sozusagen der Innenminister“, betreut zum Beispiel das Ressort Personalplanung. Auf diesem Gebiet sieht Müller auch den größten Erfolg der Arbeitnehmervertretung, an dem sie kräftig mitwirkte: Die Übernahme von 780 Leiharbeitern auf feste VW-Stellen 2011. „Erwachsene Menschen haben angefangen zu weinen“, erzählt sie. Die Freude der Kollegen darüber, dass sie endlich eine verlässliche Lebensplanung angehen konnten, wird Müller als wichtigste Erinnerung in den Ruhestand begleiten.

Einsatz für Benachteiligte, speziell auch für ausländische Kollegen: Dafür wird die Kasselänerin, der Tränen nicht fremd sind, bei ihrer Verabschiedung sicher viel Lob ernten. „Mutter Theresa“ oder „Mama Afrika“, solche nett gemeinten Spitznamen kursieren seit Jahren im Werk. Müller hat sie unter anderem ihrem Einsatz für das weltweite Straßenkinder-Projekt von VW zu verdanken, das in Baunatal speziell Südafrika gilt.

Den Kampf gegen die Entlassung von 30 000 VW-Leuten in den sechs inländischen Werken Ende der 90er-Jahre, als die Autoindustrie schwächelte, wird Müller ebenfalls nie vergessen, wie sie sagt. Damals kam die Vier-Tage-Woche ohne Lohnkürzung heraus. Und, so die Gewerkschafterin: „Wir haben dreieinhalbtausend Mitarbeiter in Baunatal an Bord gehalten.“

Erneut Kampf angesagt war 2006, als VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard Komponentenwerke wie Baunatal abstoßen wollte. Da hat der Betriebsrat inklusive Müller wieder Front gemacht. Mit Erfolg. Werksmanagement und Betriebsrat erreichten – wenn auch um den Preis von Kostensenkungen – gemeinsam den Erhalt.

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