Eklat um Kunst im Rathaus: Büroleiter in Lohfelden ließ sechs Bilder abhängen

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Abgehängt: Diese Fotografie – eine von Udo Baukus festgehaltene Szene mit zwei Theaterleuten – musste, wie fünf weitere Aufnahmen aus der gleichen Serie, wieder abgehängt werden. Unser Bild zeigt den Künstler (links) mit Besucher Ingo Sopper.

Lohfelden. „Kunst lebt von der Freiheit der Entfaltung, sie darf durchaus provokant sein“, sagte der stellvertretende Bürgermeister Klaus Steffek (SPD), als er am Donnerstagabend im Lohfeldener Rathaus eine Doppelausstellung mit Arbeiten des Fotografen Udo Baukus und des Malers Klaus Gehring eröffnete.

Die 50 Besucher der Vernissage erfuhren erst später, warum Klaus Steffek sich so deutlich gegen eine Reglementierung der künstlerischen Freiheit aussprach: Der Leiter der Hauptverwaltung und Bürochef im Lohfeldener Rathaus, Kai Hast (37), hatte im Vorfeld der Veranstaltung sechs Bilder aus der Baukus-Serie „man und frau“ wieder abnehmen lassen.

Nicht beanstandet: Diese beiden Fotografien mit satirischen Selbstbildnissen des Künstlers Udo Baukus durften hängen bleiben.

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Aktbilder und die Darstellung recht freizügiger Fotografien aus Begegnungen und Betrachtungen zwischen den beiden Geschlechtern. Die „Kulturfitüre“ als Ausstellungsmacher sorgte schließlich dafür, dass auch die zensierten Bilder den Besuchern der Eröffnungsveranstaltung – auf dem Fußboden stehend – nicht vorenthalten wurden. Ob sie wieder aufgehängt werden, ist noch offen. „Wir wollen erst ein klärendes Gespräch im Rathaus führen“, sagte die Sprecherin der Kulturfitüre, Gaby Pech-Juhlke.

Diese Bilder wurden abgehängt

Ausstellung in Lohfelden - Büroleiter ließ sechs Bilder abhängen

Unter den Besuchern war der Eklat um die Mann-und-Frau-Bilder das beherrschende Thema. Das Verbot zeige, wozu Kunst heute missbraucht werde, kritisierte Ingo Sopper. Der 68-jährige frühere Lehrer aus Gudensberg meinte, „dass man solche Bilder überall aufhängen und zeigen kann“. Auch die aus Finnland stammende Betrachterin Ella Jaenicke findet an den Bildern nichts Anstößiges.

„Ich bin nicht glücklich, dass die Bilder abgenommen wurden“, sagte Klaus Steffek, der den auf Dienstreise befindlichen Bürgermeister Michael Reuter vertritt.

Amtsleiter Hast sagte auf Nachfrage der HNA, er wollte keine Zensur ausüben, aber aus Pietätsgründen seien die Fotos in der Friedhofsverwaltung falsch platziert gewesen.

Trotz der negativen Begleitumstände vermittelt die noch bis 20. Mai andauernde Ausstellung ein eindrucksvolles Bild über die Schaffenskraft der beiden Künstler.

„In Beziehungskisten stecken viele Fragen, man muss das gar nicht zuspitzen, damit eine Satire draus wird“, sagte Udo Baukus. Der 70-jährige Fotograf ist voller Neugierde und schaut genau hin. Zwei Jahre lang beobachtete er einen Sonnenuntergang, immer von einem Punkt aus. Mit einem neuen Projekt will Baukus die Computerbesessenheit vieler Menschen aufs Korn nehmen.

Der Maler Klaus Gehring (53) zeigt unter anderem mit Zeitungscollagen unterlegte Acrylbilder aus dem Zeitgeschehen, auch mit bekannten Politikern und Sportlern. Sein zweites, großes Thema seien vor sich hin gammelnde Wracks alter Schiffe, die „faszinierende, neue Formen annehmen“, verriet der Künstler bei der Vernissage. (hog)

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