Leiter eines Lebensmittellagers soll sich an Steuerhinterziehung beteiligt haben – 1,5 Mio. Euro Schaden

Energydrinks für einen Strohmann: 45-Jähriger soll Steuern hinterzogen haben

Kreis Kassel. „Groß, stabil, nett.“ Es sind ungewöhnlich freundliche Worte, die der Finanzbeamte auf dem Zeugensessel für den Angeklagten findet. „Das war insgesamt ein Eindruck von Glaubwürdigkeit.“

Der so Gepriesene lässt sich nicht anmerken, ob ihn das Lob freut. Eingerahmt von seinen drei Anwälten und gehüllt in einen eleganten Anzug sitzt der 45-Jährige auf der Anklagebank und verliert kaum ein Wort. Doch das wenige, das er sagt, klingt jovial. Ein Geschäftsmann wie aus dem Bilderbuch.

Nur was ihm vorgeworfen wird, könnte das Bild trüben: Als Leiter der Niederlassung eines Lebensmittelgroßhändlers im Kasseler Umland soll er einem Kunden zu Unrecht die Umsatzsteuer erlassen haben – drei Jahre lang, von 2000 bis 2002. Rund 1,5 Millionen Euro seien dem Finanzamt dadurch vorenthalten worden, sagt Staatsanwalt Götz Wied beim Prozessauftakt am Montag im Kasseler Landgericht.

Dass der Geschäftspartner des 45-Jährigen Dreck am Stecken hat, steht außer Frage: Der Unternehmer aus dem westfälischen Delbrück ist bereits zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wegen Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung verurteilt worden. Sein Betrugsmodell baute darauf auf, dass bei Einkäufen im europäischen Ausland keine Umsatzsteuer anfällt. So ließ er sich Waren etwa aus Österreich liefern, reichte dann aber beim Finanzamt eine gefälschte innerdeutsche Rechnung mit Umsatzsteuer ein.

Oder er machte es umgekehrt – wie bei seinen Geschäften mit dem Angeklagten. Bei ihm orderte er immer wieder ganze Sattelzüge voll mit Energydrinks, gab als Empfänger aber eine Firma in den Niederlanden an. Also: Auch hier keine Umsatzsteuer. Die Frage, die nun von der großen Wirtschaftstrafkammer des Landgerichts zu klären ist, lautet: Wusste der Zweigstellenleiter, dass die Getränkelieferungen gar nicht nach Holland gingen? Oder ging diese Strohmannkonstruktion sogar auf seine Initiative zurück?

Der Delbrücker Unternehmer hat das einmal behauptet. Der Angeklagte jedoch lässt diesen Vorwurf über seine Anwälte heftigst bestreiten: Weder er noch irgendein anderer Mitarbeiter des Lebensmittelgroßhändlers sei an den „Machenschaften“ dieses Mannes beteiligt gewesen. „In den Ermittlungen wurde einseitig den Falschbelastungen gefolgt.“

Andererseits war es in der Firma des Angeklagten kein Geheimnis, dass man bei allem, was mit den Großbestellungen der Energydrinks zusammenhing, in Delbrück nachfragen musste – und nicht im niederländischen Venlo.

Einhellig berichten mehrere Angestellte davon, dass der Westfale die Bestellungen aufgab, dass er per Scheck die Rechnungen bezahlte, dass er sich um die Abholung kümmerte. Aber gewundert hätten sie sich darüber nicht. Schließlich habe sie ja der Chef persönlich darauf hingewiesen.

Der Prozess wird Dienstag fortgesetzt. (jft)

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