Fotos vom Anfang der Schnellstraße

Leben mit der Autobahn: Erinnerungen an den Bau der A7 bei Kassel

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Bau der A7-Brücke über das Lossetal bei Kaufungen-Papierfabrik im Jahr 1936: Das Bild stammt aus dem Nachlass der Familie Geselle aus Kassel. Gut zeigt die Aufnahme vermutlich den Lauf der (alten) Losse vorne im Bild (Graben), direkt dahinter die damals noch schmale Leipziger Straße und dahinter den Bahndamm der Eisenbahnlinie Bettenhausen-Papierfabrik-Kaufungen. Am Bau der Brücke war auch Georg Geselle als Zimmermann und Einschaler beteiligt. Er ist der Großvater von Christian Geselle, der erst kürzlich ins Amt des Kasseler Oberbürgermeisters gehoben wurde.  

Kreis Kassel. 80 Jahre ist es her, als am 20. Juni 1937 das allererste Teilstück der A7 zwischen Göttingen und Kassel eröffnet wurde. HNA-Leser erinnern sich an den Bau.

Zu dieser Zeit wurde bereits seit zwei Jahren am zweiten A7-Abschnitt von Kassel nach Homberg gebaut. Zu den größeren Brückenbauwerken dieses Streckenabschnitts zählte die A7-Brücke über die Losse bei Kaufungen-Papierfabrik.

Aus dieser Zeit stammen die vier Bilder aus dem Nachlass der Familie Geselle aus Kassel. Auf zwei dieser Aufnahmen ist Georg Geselle, der Großvater des frisch ins Amt gehobenen neuen Kasseler Oberbürgermeisters Christian Geselle, zu sehen. 

Pause nach harter Arbeit: Das Bild zeigt Georg Geselle, Großvater des Kasseler Oberbürgermeisters Christian Geselle (ganz rechts mit Zimmermannshut), mit Kollegen an der Brückenbaustelle.

Er arbeitete damals als Zimmermann und Einschaler an der Brückenbaustelle zwischen Kassel-Forstfeld und Kaufungen Papierfabrik. „Einmal hatte mein Vater einen Arbeitsunfall“, berichtet Bernd Geselle, Sohn von Georg Geselle und Vater von Christian Geselle. „Er ist vom Gerüst abgestürzt und in der Losse gelandet. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt konnte er aber wieder arbeiten“, erinnert sich Bernd Geselle.

„Reichs-Autobahnen, OBR Kassel“ ist auf den Bauschildern zu lesen. OBR steht für „Oberste Bauleitung Reichsautobahn“, die ein Büro in Kassel unterhielt. In den Baracken waren das Baubüro sowie die Kantine untergebracht, dahinter sind die eingerüsteten Autobahnbrückenpfeiler zu erkennen.

Autobahn als Schleichweg

Deutlich später, nämlich im Jahr 1949, entstand die Aufnahme, die Roland Klatt aus Kassel-Bettenhausen in seinem Archiv gefunden hat. Es zeigt Roland Klatt selbst als Baby in einem Kinderwagen, der von seiner Großcousine Katharina Rinder geschoben wird. Das Außergewöhnliche dabei: Das Bild entstand mitten auf der bereits seit etwa anderthalb Jahren eröffneten A7-Beton-Piste zwischen Kassel-Bettenhausen und Niestetal-Heiligenrode.

Heute unvorstellbar: Roland Klatt (im Kinderwagen) unterwegs auf der A7 mit seiner Großcousine Katharina Rinder. Das Foto entstand 1949. Zu dem Zeitpunkt war die A7 bei Kassel längst für den Verkehr freigegeben. Doch weil so wenig Autos fuhren, ließ sich die Beton-Piste prima für Spaziergänge nutzen.  

„Wir nutzten diese Abkürzung immer, um schnell vom Haus meiner Großeltern an der Escheroder Straße in der Eichwald-Siedlung rüber nach Heiligenrode zum Einkaufen beim Bäcker und beim Fleischer zu kommen“, erzählt der heute 69-jährige Klatt. Damals seien noch so wenig Autos über die A7 gefahren, dass eine gefahrlose Querung der Piste jederzeit möglich war. „Meine Cousine hat es nicht gekümmert, ob das verboten war, oder nicht. Es hat ja auch keiner gesehen“. Erst als Ende der 1950er Jahre Leitplanken auf den Mittelstreifen der A7 gebaut wurden, seien die Ausflüge über die Autobahn nicht mehr möglich gewesen.

„Reichs-Autobahnen, OBR Kassel“muss damals unmittelbar neben der Autobahnbrücke gestanden haben. Auf dem Vordach: Georg Geselle mit Zimmermannshut.

Dennoch: Die A7 sollte eng mit Klatts Kindheit verbunden bleiben. „Dieser Strecke habe ich meine ersten Englisch-Kenntnisse zu verdanken“, sagt er. Denn oben, direkt an der Anschlussstelle Kassel-Nord, habe es eine Tankstelle der Amerikaner gegeben – „und die waren immer sehr großzügig mit ,chewing gum’ – also mit Kaugummi“.

Der Streckenabschnitt der A7 zwischen Kassel und Göttingen entstand in drei Jahren Bauzeit. Mehr zur Geschichte und weitere Fotos vom Bau gibt es im Online-Magazin HNA Sieben.

Verlauf der A7:

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