Die erste Arbeiterturnhalle Deutschlands stand in Altenritte

Bauwerk für alle: Eine alte Postkarte zeigt die Altenritter Arbeiterturnhalle.  2 Repros: De Filippo

Baunatal. Wer vor 100 Jahren Sport treiben wollte, schloss sich einem Verein an. Doch was, wenn es keinen Ort für gemeinsame Übungsstunden gab? In Altenritte machten einige junge Männer aus dieser Not eine Tugend und bauten 1914 die erste Arbeiterturnhalle Deutschlands.

Turnhallen und Sportplätze hatten vor einem Jahrhundert Seltenheitswert. Erst recht für die Mitglieder der Arbeiterbewegung, die zur Kaiserzeit nicht überall gern gesehen waren. So flogen die Sportler des Arbeiter-Turnvereins Altenritte regelmäßig aus den Gaststätten des Ortes. Die Lösung: Gegen viele Widrigkeiten bauten die Männer kurzerhand ihre eigene Turnhalle an der heutigen Wilhelmshöher Straße.

„Ein solches Vorhaben war sehr mutig“, sagt Karl Heinz Dolle, dessen Großvater Justus Schmidt maßgeblich am Bau der Halle beteiligt war. Denn die Behörden legten den „roten Turnern“ allerhand Steine in den Weg. Selbst der Festzug, den es zur Eröffnung am 17. Mai 1914 durchs Dorf geben sollte, wurde damals vom Bürgermeister verboten. Die Alternativstrecke führte übers Feld.

„Was sie hinterlassen hatten, war eine Errungenschaft für den Ort.“

Die Freude über die neue Sportstätte währte jedoch nicht lange: Nur zwei Monate später brach der Erste Weltkrieg aus, und die meisten der am Bau beteiligten Männer verloren ihr Leben an der Front. „Doch was sie hinterlassen hatten, war eine Errungenschaft für den Ort“, sagt Hugo Göbel. Der Altenritter wuchs neben der 130 Quadratmeter großen Turnhalle auf und weiß, wie das Bauwerk das Leben im Dorf veränderte: „Endlich gab es eine neutralen Ort, den die Gemeinschaft nutzen konnte.“

Die Halle war nämlich viel mehr als nur eine Sportstätte. Sie war Festsaal und Treffpunkt. In den 50er-Jahren wurde sie als Kindergarten, später als Schulturnhalle genutzt. „Es war der einzige Saal weit und breit“, erinnert sich Karl Heinz Dolle, dessen Schwester dort ihre Hochzeit feierte.

Dass die Arbeiterturnhalle, die so vielen am Herzen lag, 1970 abgerissen wurde, kann der Altenritter bis heute nicht verstehen. „Sicher, sie war marode. Doch einen solch geschichtsträchtigen Ort zu zerstören, macht mich wütend“, sagt er.

Heute erinnert nichts mehr an die erste Arbeiterturnhalle Deutschlands. Wo sie einst stand, befindet sich ein Einfamilienhaus. Und auch die große Ehrentafel, die an die im Krieg gefallenen Erbauer erinnerte und bis zum Abriss in der Turnhalle hing, ist verschollen. „Zum Glück habe ich eine Fotografie auftreiben können“, sagt Dolle. In der Mitte der Aufnahme ist ein Bild seines Großvaters zu sehen. Einem jener Männer, die dem Gemeinschaftsgefühl in Altenritte eine neue Bedeutung gaben. (pdf)

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