Kommission suchte nach Platz für Flüchtlinge – Vom Glück einer freundlichen Gastfamilie

Erste Vertriebene kamen

Irmtraud am Baunsberg: Auch Adam Ritzes spätere Ehefrau kam aus dem Sudetenland, aus Spindelmühle. Das Foto zeigt sie als 19-Jährige, da lebte sie schon neun Jahre in Nordhessen.

Baunatal. Der Krieg lag nun schon eine Zeit zurück. Inzwischen fand auch wieder regelmäßiger Schulunterricht statt. Der Schwarzhandel hatte Hochkonjunktur. Hauptsächlich wurde getauscht, denn für Geld gab es nichts.

Im Frühjahr 1946 bekamen wir dann auch die Vertreibung der Sudetendeutschen aus Tschechien zu spüren. Im Vorfeld ist eine Kommission von Haus zu Haus gegangen und hat freie Räume für die Zwangseinweisung der Vertriebenen gesucht. Begeisterung wurde durch diese Aktion in der Bevölkerung nicht gerade ausgelöst.

In unserem Haus – wie bei vielen anderen auch – wurde kein zusätzlicher Platz gefunden. Deshalb brauchten wir auch niemanden aufzunehmen.

Am 16. Mai 1946 wurden dann zwei geschlossene Viehwaggons auf das Abstellgleis vom Bahnhof-Altenbauna geschoben. Diese zwei Waggons waren ein Teil des fünften Transportes aus dem Sammellager Hohenelbe vom 7. Mai 1946.

Die 60 Personen wurden auf Altenbauna und Kirchbauna verteilt. Die Personen für Altenbauna wurden von einem Landwirt mit seinem Traktorgespann zum Saal des Gasthauses Freitag gebracht. Hier wurden sie – nach einem bereits fertigen Plan – auf die „Gastfamilien“ verteilt. Dabei hatten einige Vertriebene mehr Glück als andere. Je nach Einstellung der Gastfamilien.

Weil sich in diesem Transport auch ein zehnjähriges Schulmädchen befand, welches später meine Frau wurde, habe ich diesen Bericht etwas ausführlicher gefasst. Nachträglich kann ich sagen, dass das Mädchen mit seiner Mutter und den Großeltern mit der Gastfamilie Glück hatte.

Für uns Kinder gab es aber ganz andere Probleme. Räuber und Gendarm spielen im ganzen Dorf, das war eine tolle Sache. Oder Unterdorf gegen Oberdorf – mit sehr vielen Möglichkeiten.

Zum Beispiel: Das Dorfsuchen. Dabei waren Gartenzäune oder Scheunentore kein Hindernis. Dass wir uns dabei den Unmut der Erwachsenen zuzogen, kümmerte uns wenig.

Es gab aber noch eine Sache, bei der wir gern mitgemacht haben. Das war die Suche nach Kartoffelkäfern. Schon während des Krieges mussten die Schulkinder diese Aktion mitmachen. Nur: Wir haben nie welche gefunden. Jetzt war es interessanter, denn wir haben tatsächlich ab und zu auch welche entdeckt.

Wenn einer geschrien hat: „Hier sind welche“, dann ist jedes Mal die ganze Suchkolonne  zusammengelaufen und hat die Larven oder auch die schönen Käferchen bestaunt. http://regiowiki.hna.de /Adam_Ritze

Von Adam Ritze

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.