Frau meldete sich nach HNA-Artikel - Stiftung Warentest warnt Kunden

1500 Euro für ein Türschloss: Espenauerin zahlte hohe Summe an dubiosen Schlüsseldienst

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Links die Wohnungstür, rechts die Haustür: Beide Schlösser sind laut Martha Schmied falsch eingebaut.

Espenau. Als Martha Schmied (Name von der Redaktion geändert) am Mittwoch, 16. August, die HNA aufschlägt, erkennt sie ihre Situation in der Geschichte von Familie Müller aus Fuldatal direkt wieder.

Ein Schlüsseldienst aus Essen, der für viel zu viel Geld ein Schloss austauscht, dieses so einbaut, dass es auf einer Seite hinausragt und der dann nicht mehr erreichbar ist: So ist es nicht nur Familie Müller, sondern auch Schmied ergangen. Die Rentnerin war Mitte Juni an einem Sonntagabend mit dem Auto weggefahren. Als sie wiederkam, bemerkte sie, dass sie ihre Schlüssel in der Wohnung vergessen hatte. „Ich habe die Nachbarin gebeten, einen Schlüsseldienst zu rufen. Der war innerhalb einer halben Stunde da“, berichtet die Rentnerin.

Nach einer halben Stunde Arbeit war alles getan. Doch die Schlösser der Haus- und der Wohnungstür ragten deutlich sichtbar heraus und die Rechnung war enorm: 1552,12 Euro sollte Schmied zahlen. „So viel Geld habe ich gar nicht im Haus“, sagt sie. Also bezahlte sie den Betrag mit EC-Karte. „Ich habe ja keine Ahnung von sowas und war froh, dass ich wieder in meine Wohnung konnte.“ Als sie den HNA-Artikel über Familie Müller las, fielen ihr die Parallelen zwischen den Schlüsseldienst-Maschen auf. „Ich wollte einen Rechtsanwalt aufsuchen, aber das ist auch teuer“, erzählt Schmied. Sie möchte, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit kommt, um andere zu warnen. Die HNA versuchte von der Firma eine Stellungnahme zu bekommen, ohne Erfolg.

Nach dem Artikel in der HNA über Betroffene hat sich auch die Stiftung Warentest gemeldet. „Wir haben bereits mehrfach über dubiose Schlüsseldienste berichtet“, sagt Mitarbeiter Andreas Kohl. Auf der Internetseite der Stiftung Warentest (www.test.de) gibt es mehrere Hinweise für Verbraucher. „Neun von zehn Rechnungen erwiesen sich bei der Prüfung als überhöht“, heißt es dort. Eine gewöhnliche Türöffnung zu normalen Tageszeiten unter der Woche liege bei etwa 100 Euro. Nachts und an Feiertagen könne ein Zuschlag verlangt werden.

Das Telefon- und Adressverzeichnis Gelbe Seiten startet in Essen und Hannover ein Pilotprojekt, dass es bald bundesweit geben soll: Damit können Konsumenten künftig nicht nur einen lokalen Schlüsseldienst finden, sondern über die Webseite schluesseldienst.gelbeseiten.de eine Türnotöffnung zum Festpreis kaufen. Das teilt Sigrid Eck von der Marketinggesellschaft mit. Des Weiteren muss der Monteur nachweisen können, dass er mindestens zwölf Monate Berufserfahrung hat. Der Dienstleister muss auch belegen, dass er nicht vorbestraft ist, über ein eingetragenes Gewerbe verfügt und eine Haftpflichtversicherung besitzt.

Die Schlüsseldienste erhalten eine Smartphone-App, auf der sie Aufträge an- und abnehmen. Der Nutzer gibt über die Webseite sein Problem – Tür zugefallen oder Schlüssel verloren – an. Die Schlüsseldienste werden über den neuen Auftrag informiert. Wenn ein Monteur bestätigt, dass er den Auftrag übernimmt, erhält der Kunde vor der Auftragsvergabe eine Zusammenfassung darüber. Der Nutzer bezahlt den vorher genannten Festpreis an den Monteur dann vor Ort nach erledigter Arbeit.

Wer eine überhöhte Rechnung eines Schlüsseldienstes bezahlt hat, kann mithilfe eines Musterbriefs der Verbraucherzentrale zu viel bezahltes Geld zurückfordern. „Besser ist es jedoch, vorzusorgen und beim Nachbarn einen Schlüssel zu hinterlegen“, sagt Eva Raabe von der Verbraucherzentrale Hessen, Beratungsstelle Kassel. Es gebe pro Woche etwa ein bis zwei Anfragen zum Thema Schlüsseldienst, manchmal auch mehr. „Das ist ein riesiges Thema. Manche Rechnungen sind wirklich horrend und gehen in Richtung Betrug“, so Raabe. Die ortsübliche Vergütung tagsüber liege bei 80 bis 100 Euro. Wenn der Schlüssel noch im Schloss steckt oder die Tür beim Zufallen automatisch verriegelt, könne der Preis bei bis zu 200 Euro liegen. 

Der Verbraucher empfinde nach getaner Arbeit des Schlüsseldienstes Druck, auch eine zu hohe Rechnung bezahlen zu müssen. Laut Raabe ist es aber legitim, bei Unsicherheiten nicht direkt zu zahlen, sich die Rechnung aushändigen zu lassen und diese prüfen zu lassen. Betroffene können sich an die Verbraucherzentrale wenden, selbst wenn man die Rechnung bereits beglichen habe. Am besten sei, sich für den Notfall vorab bei regionalen Schlüsseldiensten zu informieren. „Nehmen Sie nicht den ersten Schlüsseldienst, den Sie im Internet finden, sondern halten Sie sich tendenziell an regionale Anbieter“, rät Raabe. Die Verbraucherzentrale hat zu dem Thema „Das Geschäft mit Ihrem Notfall“ einen Flyer erstellt, den man sich kostenlos in der Beratungsstelle Kassel abholen kann. 

Verbraucherzentrale Hessen, Beratungsstelle Kassel, Rainer-Dierichs-Platz 1 (Kulturbahnhof), Tel. 0561/772934, Fax 0561/102657, kassel@verbraucher.de, Terminvereinbarung unter 069/972010900 www.verbraucherzentrale.de

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