Fragen und Antworten: Was passiert, wenn ein Toter keine Angehörigen mehr hat?

Gemeinde Espenau sorgt sich um verwahrlostes Grab

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Verwahrlostes Urnengrab: Die letzte Ruhestätte von Richard Krause auf dem Friedhof Hohenkirchen wurde schon länger nicht mehr gepflegt. Jetzt sucht die Gemeinde nach Angehörigen. 

Espenau. Richard Krause ist offenbar in Vergessenheit geraten. Seit Anfang der 1990er-Jahre liegt der Rittmeister außer Dienst, wie es auf seinem Grabstein steht, auf dem Friedhof in Hohenkirchen.

Doch auf seiner letzten Ruhestätte, einem Urnengrab mit der Nummer sieben, wuchert seit Monaten Unkraut, die Blumen sind vertrocknet, das Grablicht ist aus. Jetzt sucht die Gemeinde Espenau nach Angehörigen. Sollte sie niemanden finden, wird das Grab entfernt.

„Grabstätten ohne Angehörige sind für eine Gemeinde ein Problem“, sagt Anna Korell von der Espenauer Friedhofsverwaltung. „Denn dann bleibt die Allgemeinheit auf den Kosten sitzen“. Damit nicht letzten Endes der Steuerzahler belastet wird, sieht die Friedhofsordnung der Gemeinde in Paragraf 16 vor, dass die Friedhofsverwaltung „die Grabstätte abräumen, einebnen und einsähen lassen“ darf – wenn sich niemand um die Pflege kümmert oder wenn eben niemand dafür zur Verantwortung gezogen werden kann. So eine behördlich angeordnete Einebnung würde die Gemeinde je nach Größe und Fundament rund 150 Euro kosten.

Aufgefallen war das in Marmor umrandete Grab von Richard Krause, weil es zusehends verwahrlose, sagt Korell. „Wenn die Frau stirbt und es keine Kinder gibt, dann hört die Kette derjenigen, die sich um das Grab kümmern müssten, schnell auf“. So traurig ein vernachlässigtes Grab auch sei, die Gemeinde müsse sich streng an ihre Vorschriften halten. Und diese besagen, dass Gräber „in friedhofswürdiger Weise instandgehalten und gepflegt“ werden müssen. Andernfalls würden sich auch bald die Angehörigen benachbarter Gräber über das Erscheinungsbild beschweren, sagt Korell. Auf dem fast 16 000 Quadratmeter großen Friedhof in Hohenkirchen befinden sich 620 Gräber. Auf freiwilliger Basis kann die Grabpflege auch von Nachbarn oder Bekannten übernommen werden. Oder Angehörige beauftragen eine sogenannte Dauergrabpflege bei einer Gärtnerei. „Wir von der Gemeinde haben dafür leider kein Personal“.

Grabstätten ohne Angehörige sind in Espenau die Ausnahme. Anna Korell ist seit drei Jahren für die Friedhöfe der Gemeinde zuständig. „Dieser Fall jetzt ist seitdem erst der dritte“, sagt sie. Sie hofft allerdings noch, dass sich jemand meldet, der Richard Krause doch noch nicht vergessen hat.

Kontakt zur Friedhofsverwaltung: Gemeinde Espenau, Im Ort 1, Hohenkirchen, Anna Korell, Tel. 0 56 73 / 99 93 34.

Fragen und Antworten

Kommunen und Kreis übernehmen die Kosten

Im Todesfall sind die Angehörigen gesetzlich verpflichtet, sich um die Bestattung zu kümmern. Doch was passiert, wenn der Tote keine Angehörigen mehr hat? Dazu Fragen und Antworten:

Wer ist eigentlich für die Bestattung zuständig, wenn jemand ohne Angehörige stirbt? 

Dann kommt es nach dem Hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetz darauf an, wo dieser Mensch gestorben ist. Befand er sich zuletzt in einer Einrichtung, also einem Krankenhaus, Pflegeheim, Gefängnis oder einer Sammelunterkunft, dann ist die Einrichtungsleitung verpflichtet, die Bestattung zu veranlassen, bekommt aber die Kosten vom Landkreis Kassel erstattet. Anders sieht es aus, wenn die Person zu Hause stirbt. Dann ist die jeweilige Gemeinde als Ordnungsbehörde zuständig – und muss auch die Bestattungskosten übernehmen. Auch für Obdachlose ohne Angehörige muss die Gemeinde aufkommen.

Da möglicherweise ohnehin niemand zur Beisetzung kommt – wird von Amts wegen an allen Ecken gespart, um den Steuerzahler möglichst wenig zu belasten? 

„Nein“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn, „solche Sozialbestattungen sind keine Light-Bestattungen“. Der Gesetzgeber habe festgelegt, dass sie zwar in einfacher, aber würdiger und ortsüblicher Form stattfinden sollten. Das schließt Erd- oder Feuerbestattungen im Einzelgrab, eine kirchliche Bestattung oder einen Trauerredner, einen bescheidenen Blumenschmuck sowie selbst Sargträger nicht aus. „Denn das alles ist bei uns im Landkreis Kassel ortsüblich“, sagt Kühlborn.

Alles in allem: Was kostet erfahrungsgemäß so eine Sozialbestattung? 

Laut Kühlborn belaufen sich die durchschnittlichen Kosten im Landkreis Kassel auf zwischen 2000 und 2500 Euro pro Bestattung.

Wie viele dieser Sozialbestattungen hat es im vergangenen Jahr gegeben? 

Der Landkreis Kassel führt lediglich Buch über Bestattungen, bei denen Menschen ohne Angehörigen in Einrichtungen gestorben sind. Demnach hat der Landkreis im Jahr 2016 die Kosten von insgesamt 85 Sozialbestattungen übernommen. In Kassel waren es weniger: Wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt, hat der Kasseler Magistrat im vergangenen Jahr 77 Bestattungen von Menschen ohne Angehörige beauftragt und dafür die Kosten übernommen. Wie oft solche Bestattungen in Deutschland vorkommen, ist laut Statistischem Bundesamtes nicht erfasst. 

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