Ereignissen um das Kriegsende in Hohenkirchen

Kuchenbacken bei Beschuss: Blick in ein Kriegs-Tagebuch

Tagebuch zum Kriegsende: Die erste Seite im sogenannten Bäckerbuch, in dem Marie Möller Ereignisse zum Kriegsende in Hohenkirchen festhielt. Repro: privat

Espenau. „5. April 1945: Mittags um 1 Uhr ziehen amerikanische Panzer mit Truppen ein. Einzug ohne einen Schuss. Jeder hat die weiße Flagge gehisst.“ Das schreibt die 25-jährige Marie Möller, die damals im Erlenweg 91 wohnt, zum Kriegsende in Hohenkirchen.

18 Tage im März und April 1945 hat sie in einem sogenannten Bäckerbuch beschrieben, in dem sonst angelieferte Mehlmengen und die Zahl der Brote und Brötchen verzeichnet wurden.

Entdeckt hat die Aufzeichnungen ihr Sohn Werner Möller nach dem Tod seiner Mutter 1996 in deren Unterlagen. Zusammen mit seiner Schwiegermutter hat er die Sütterlin-Schrift übersetzt. Gemeldet hat sich der 67-Jährige auf den Aufruf in der HNA, die Zeitzeugen zum Kriegsende sucht.

Marie Möller mit 76 Jahren

„Ich finde, dass die Leute mehr über das Kriegsende auch auf dem flachen Land erfahren sollen, über die Sorgen und Leiden der Bewohner“, begründet er seinen Entschluss, mit den Tagebuch-Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Keine Sensationen bietet das Tagebuch, dagegen aber fein beobachteten Alltag in Hohenkirchen. „Kuchenbacken mit Tieffliegerbeschuss“, notiert sich Marie zum Osterfest am 31. März 1945. „Es sind Ostern, die man nie im Leben vergessen wird.“

In einfachen, emotionalen Worten fängt sie die Tage und Stunden vor dem Eintreffen der Amerikaner ein. „Alle großen Wagen stehen schon bereit. Alles weint und packt. Aber dann will keiner im Dorf mehr weg. Alle bleiben und sehen ihrem Schicksal entgegen“, notiert sie, während sie in Calden Panzerdonner hört und Rauchwolken aufsteigen sieht.

Marie Möller

Auch aufs „Politische“ wirft sie einen Blick: „Erst sollte Kassel eine offene Stadt sein, wurde dann aber vom Gauleiter zur Festung erklärt und sollte bis zum Letzten verteidigt werden“, schreibt sie. „Aber nicht von dem, der hat sich vorher davongemacht.“

Angst vor der nahen Zukunft schleicht sich ein: „Soll unser Leben schon aus sein, ohne dass es richtig begonnen hat?“, fragt sie sich nach Tagen im Bunker, den sich die Hohenkirchener in einer Sandgrube selbst gegraben haben. „Ein Hetzen und Jagen im Dorf“, notiert sie, als die ersten Häuser für 700 Soldaten der amerikanischen Truppen geräumt werden müssen.

Dann bessert sich die Lage: „Ein Viertel Butter pro Kopf kommt zur Verteilung und auch Brot, kein schlechter Anfang. Alles verläuft ruhig, man fühlt sich wieder als Mensch.“

Bald kann Marie Möller den Alltag sogar wieder ein bisschen genießen: „Heute den ersten Tag im Garten. Es ist herrlich, ohne Flieger seine Arbeit zu tun“, liest man am 10. April 1945. Die Lage beginnt, sich ganz langsam zu entspannen.

Am 15. April, dem Ende der Aufzeichnungen ist nur noch lapidar zu lesen: „Ein Sonntag.“

Von Stefan Wewetzer

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