Der kurze Weg zur Integration

Vom Wohnheim zum Sportplatz: Flüchtlinge jetzt im Fußball-Verein

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Fußball verbindet: Jörg Odensaß (Mitte), Spielertrainer des SV Espenau, mit seinen aus Albanien stammenden Neuzugängen Amarildo Kadiu (links) und Andi Veli.

Espenau. Eines Tages kamen sie einfach durch die Büsche. Angelockt vom Fußball nahmen fünf in der ehemaligen Grundschule in Espenau-Hohenkirchen untergebrachte Asylbewerber den direkten Weg zum benachbarten Sportplatz.

Die Verantwortlichen und Spieler von Kreisoberligist SV Espenau ließen sich nicht lange bitten und luden die Kicker zum Mitmachen ein. Drei sprangen wieder ab, zwei blieben. Am Sonntag, bei der 2:4-Niederlage der zweiten Mannschaft beim TSV Ersen II, erzielten sie die Treffer der Espenauer. Es scheint, als wären sowohl Amarildo Kadiu, den seine Eltern nach dem brasilianischen Weltmeister von 1962 nannten, und Andi Veli als auch der Verein eine für beide Seiten fruchtbare Partnerschaft eingegangen.

Obwohl die Albaner noch nicht für die erste Mannschaft in Frage kommen, schätzt Jörg Odensaß, der im jetzigen Wohnheim die Schulbank drückte, ihr Mitwirken. „Wir haben so zwei Spieler mehr und kommen seltener in Personalnot. Andererseits lernen nicht nur sie von uns, sondern wir durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse auch eine Menge von ihnen“, erklärt der Spielertrainer.

Dennoch steht die Integration der Männer an erster Stelle. Den Sport erachtet Catja Houij, für das Landratsamt mit der Flüchtlingsbetreuung beschäftigt, als wichtigen Faktor. „Die Einstellung der Einheimischen zu den Asylbewerbern verändert sich, wenn sie es wie beim Fußball mit leibhaftigen Menschen zu tun haben und sie nicht nur aus den Medien kennen“, weiß sie.

Mit ungewohnten Problemen haben andererseits Odensaß und der Klub zu kämpfen. Nicht nur die sprachliche Verständigung lässt zu wünschen übrig, auch praktische Lebenshilfe müssen die Espenauer leisten. Angefangen bei einem Arztbesuch von Veli, der an einer Knöchelverletzung laboriert. Eine Überweisung muss organisiert werden, weil Asylbewerber nur bedingt medizinische Versorgung genießen. Damit beschäftigt ist Betreuer Alexander Jeppe, der Veli auch zum Arzt fährt.

Ausgestattet sind die Neuen gut, nachdem die Vereinsmitglieder Fußballschuhe und Sportbekleidung sammelten. Bleiben die Eingewöhnungsprobleme der beiden Kicker auf dem Platz. „Regelmäßiges Training war ihnen fremd. Nur Andi hat bereits in Mannschaften gespielt. Taktische Überlegungen kennen sie nicht, Vorgaben wie beim Spielen mit zwei oder drei Ballkontakten sind ihnen neu“, berichtet Odensaß. Doch bei der Zweiten soll es für sie nicht bleiben. „Wir wollen in die Erste und müssen noch mehr trainieren“, sagt Kadiu und beteuert: „Fußball ist mein Leben und meine Leidenschaft.“

Dass die Integration der Fußballer voranschreitet, macht eine weitere Aussage des Trainers deutlich. „Sie trinken nach dem Spiel oder Training inzwischen auch gern mal ein Bier oder Radler mit.“ Danach verschwinden sie wieder. Wohin? Durch die Büsche.

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