Zahl der Gebeine ungewöhnlich

Pfarrer äußert sich zu Skelettfund in Espenau

Espenau. Bei Sanierungsarbeiten an der Kirche in Espenau wurden unter einem Betonboden im Keller eines Anbaus eine große Anzahl an menschlichen Überresten entdeckt. Jetzt hat sich der Pfarrer der Kirchengemeinde dazu geäußert.

Es sei nicht ungewöhnlich, dass auf altem Kirchengrund, auf dem auch Gläubige bestattet wurden, Skelette im Boden gefunden werden, sagt Holger Hermann, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Espenau-Hohenkirchen.  Außergewöhnlich sei aber die hohe Zahl an Skeletten, 40 bis 45 schätzt der Pfarrer.

Genauer lässt sich dies nicht beziffern. Denn nur acht komplette Skelette lagen wie in einem Grab nach Osten ausgerichtet, alle anderen Schädel und Körperknochen gehäuft an einer Stelle. Dies könnte bedeuten, dass diese Toten schon zu früheren Zeiten umgebettet und in ein Gemeinschaftsgrab gelegt wurden.

Wann dies war, darüber gebe es keine Erkenntnisse, sagt Pfarrer Hermann. Vielleicht schon 1691. Seinerzeit war an die Nord- und Südseite der Kirche angebaut worden. Mindestens 200 Jahre dürften die gefundenen Toten in der Hohenkirchener Erde liegen, denn 1825 wurde der Friedhof an der Kirche geschlossen und die Ruhestätte weiter in den Ort verlegt. Jetzt also der Fund menschlicher Überreste unter einem Anbau, der 1967 errichtet wurde.

Aktualisiert um 16.15 Uhr

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40 Skelette in Espenauer Kirche: Polizei wurde nicht über Fund informiert

Mitarbeiter einer Fachfirma hatten den Betonboden im Keller aufgestemmt. Dort sollen eine Teeküche und Toiletten eingebaut werden. Als die ersten Knochen freilagen, seien die Arbeiten eingestellt worden, sagt der Pfarrer. Der Landeskonservator sei informiert worden und habe sich den Fund angesehen. Schließlich grünes Licht für die weiteren Arbeiten gegeben. Trotz der Menge an Skeletten hatte sich der Kirchenvorstand darauf verständigt, den Fund nicht an die große Glocke zu hängen.

Auch die Polizei war bislang nicht in die Angelegenheit eingebunden. Das bestätigt Kassels Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch auf Anfrage. Weder die Kriminalpolizei noch das zuständige Revier in Vellmar habe eine Information gehabt, sagt er. Das Kommissariat K 11 nehme jetzt Kontakt mit dem Pfarrer und der Gemeinde Espenau auf. „Wir werden uns darum kümmern.“ Eine Meldepflicht bei der Polizei hat laut Jungnitsch allerdings nicht bestanden. „Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches für einen Friedhof“, sagt der Polizeisprecher. „Wir gehen davon aus, dass das eine normale Friedhofsanlage ist.“ Die gefundenen Skelette sollen laut Pfarrer Hermann in den nächsten Tagen in einem Gemeinschaftsgrab auf dem neuen Friedhof in Hohenkirchen bestattet werden – in aller Stille.

Das sagt die Landeskirche

Auch die Landeskirche von Kurhessen-Waldeck war zuvor nicht über den Knochenfund informiert worden. Am Mittwoch sagte Pressesprecherin Petra Schwermann: „Die landeskirchliche Bauberatung sowie die Denkmalschutzbehörde sind inzwischen über den Skelettfund informiert worden. In den 60er-Jahren war ein Anbau an die Kirche auf einem – früheren stillgelegten – Friedhof errichtet worden“, erläutert die Sprecherin weiter

Es gebe nun Vermutungen über die zeitliche Einordnung der gefundenen Skelette, dass diese etwa aus der Zeit der Napoleonischen Kriege oder des Siebenjährigen Krieges stammen könnten. Eine genaue Datierung der Skelettfunde sei aber nicht vorgesehen. „Der Landeskirche ist es ein besonderes Anliegen, dass eine würdevolle Bestattung der Skelette an geeigneter Stelle gewährleistet ist.“

HINTERGRUND:

Wie alt das Gotteshaus in Hohenkirchen ist, weiß man nicht genau. Einige Anzeichen deuten laut Pfarrer Holger Hermann darauf hin, dass die Kirche bereits 1150 bestand. Seitdem wurde sie mehrfach verändert. Anbauten an die Längsseiten gab es bereits 1691. Im Jahr 1967 wurde die Kirche umgebaut und erhielt den Anbau auf der Nordseite. Derzeit wird das Gebäude von Grund auf saniert. Die Kosten sind mit rund einer Millione Euro kalkuliert.

Erinnerung an Funde auf dem Uni-Gelände: Soldaten starben vor 200 Jahren an Fieber

Der Skelettfund in Espenau/Hohenkirchen erinnert an einen Fall in Kassel vor sechs Jahren. Damals wurden bei Bauarbeiten auf dem Universitätsgelände an der Kurt-Wolters-Straße ebenfalls menschliche Gebeine gefunden. Nach aufwändigen Untersuchungen ist heute klar, dass es sich um die sterblichen Überreste napoleonischer Soldaten aus dem Jahr 1813 handelte. Die Männer sind damals an Lazarettfieber gestorben.

Die Skelette in Hohenkirchen gehören dagegen zu einem Friedhof. Im Umfeld von Dorfkirchen sei es üblich gewesen, die Kirchhöfe auch als Friedhof zu nutzen, sagt der Kasseler Historiker Christian Presche. Dies sei bis ins 19. Jahrhundert hinein so praktiziert worden. Auch in Kassel seien immer wieder Gebeine auf den alten Kirchhöfen gefunden worden. So zum Beispiel auf dem Marställer Platz, wo bis zur Reformation die Pfarrkirche der Altstadt gestanden habe. Funde seien auch rings um die Martinskirche sowie auf dem Holzmarkt (Pfarrkirche Unterneustadt) belegt. Auch im Hof des Elisabethhospitals, an der Brüderkirche und an der Stiftskirche der Kugelherren im Weißen Hof (Kastenalsgasse/Töpfenmarkt) habe es Friedhöfe gegeben. (mic/sok/tos)

Bilder vom Fund

40 Skelette bei Bauarbeiten an Kirche in Espenau gefunden

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