Ehemaliger Bürgermeister

Vom Arbeitslager zur Siedlung:  Vergangenheit von Schäferberg erforscht

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Im Wandel: Auf der Luftaufnahme von 1952 ist bereits gut zu erkennen, dass sich das ehemalige Lager Schäferberg zu einer ansprechenden Wohnsiedlung gewandelt hat.

Espenau. Wer heute durch die schmalen Straßen mit den Flachbauten und den gepflegten Gärten schlendert, den erinnert nur noch die genormte Größe der Wohngebäude an die traurige Vergangenheit dieses Ortes.

50 Meter lang und zehn Meter breit waren die ursprünglich 27 Baracken, die 1943 von der Firma Henschel für die Unterbringung von Zwangsarbeitern gebaut wurden.

„Mit dem ersten Kriegsjahr 1939 nahm die Geschichte seinen Lauf“, weiß Ehrhard Bunzenthal, Kenner der Espenauer Geschichte, zu berichten. Der Kasseler Rüstungskonzern Henschel habe auf dem Schäferberg ein rund 10 000 Quadratmeter großes Grundstück gekauft und den Auf-trag zum Bau von zunächst 14 Steinbaracken gegeben. Weitere 17 Holzbaracken seien später errichtet worden. In diesen wurden ab Mitte 1944 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene untergebracht, die in der Kasseler Rüstungsindustrie eingezogene deutsche Arbeitskräfte ersetzen sollten. 1944 wurden allein bei Henschel rund 13 000 Zwangsarbeiter eingesetzt.

Heimatforscher: Dank zahlreicher noch erhaltener Dokumente, Fotos und alten Veröffentlichungen dokumentierte der ehemalige Espenauer Bürgermeister Erhard Bunzenthal die wechselvolle Geschichte vom Zwangsarbeiterlager Schäferberg zur modernen Wohnsiedlung. Foto: Brandau

„Die Bedingungen im Lager waren katastrophal. Typhus, Tuberkulose und Fleckfieber griffen um sich und die schlechte Ernährung und Bekleidung kostete Frauen, Männern und Kindern das Leben“, erklärt der 71-jährige ehemalige Bürgermeister Bunzenthal, der große Teile der Ortsgeschichte aufgearbeitet hat. Insgesamt seien mindestens 84 Personen unter zum Teil bis heute ungeklärten Umständen gestorben.

Es waren Holländer, Belgier, Franzosen, Italiener, Russen und Balten, die am Schäferberg interniert waren und meist zu Fuß nach Kassel zur Arbeit gehen mussten, obwohl sie oft schlechtes Schuhwerk oder nur Fußlappen besaßen.

Als am Abend des 4. April 1945 erste amerikanische Soldaten des 273. Infanterie-Regiments, von Calden über Wilhelmsthal kommend, am Schäferberg eintrafen, befreiten sie rund 1550 Kriegsgefangene und zivile ausländische Zwangsarbeiter.

Wie die Chronik des Hohenkirchener Lehrers Herbert Schuchart berichtet, haben einst die Bauern des Dorfes ihr Vieh auf den Weideflächen des heutigen Ortsteils Schäferberg grasen lassen. Bereits im späten Mittelalter trieben die Schäfer ihre Herden über die „Trift“ zu jenem Berg, der seinerzeit noch komplett bewaldet war. Neben Kühen und Schafen durften im Herbst, auch in begrenztem Maße, Schweine in den Wald getrieben werden, die dort die her-abgefallenen Eicheln und Eckern fraßen.

Nach Kriegsende waren in dem Lager rund 1700 Emigranten untergebracht, die zumeist aus Ostblockländern kamen. Sie waren geflohen, weil sie mit deutschen Besatzungstruppen kooperierten und nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten.

Ab 1949 wurde das Lager weiter ausgebaut und Heimatvertriebene und Ausgebombte fanden am Schäferberg eine vorläufige und manchmal auch endgültige Bleibe. An der Bundesstraße 7 entstanden Mitte der 1950er-Jahre eine Tankstelle und auch das Waldhotel Schäferberg. Das ehemalige Lager entwickelte sich als kleinster Ortsteil von Espenau zu einer Wohnsiedlung in der jetzt etwa 220 Menschen wohnen. An die dunkle Vergangenheit des Ortsteils erinnern heute nur noch der Waldfriedhof mit einer kleinen Gedenkstätte sowie ein Holzkreuz. 

Hintergrund

Heute zählt Schäferberg etwa 220 Einwohner. In jeder der einstigen Baracken wohnen etwa vier Familien. Als Schäferberg ein Zwangsarbeiterlager war, lebten hier etwa 1600 bis 2000 Menschen, zusammengepfercht in insgesamt 27 Baracken mit 525 Wohnräumen. Heute stehen noch 14 inzwischen umgebaute Steinbaracken. Sie waren ganz primitiv aus Betonfertigteilen und Hohlblocksteinen errichtet. Die Teerpappe- oder Steinplattendächer ohne Boden lagen auf rohen Stahlträgern auf. In etwa gleicher Größe waren sechs von sieben Holzbaracken ausgeführt, die nach der Auflösung des Lagers abgerissen wurden. Schon für die Errichtung des Lagers wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Ab Ende 1943 wurde das Lager errichtet. Am 25. September 1944 wurde das Lager in Betrieb genommen. Die meisten Menschen aus dem Lager arbeiteten im Werk III der Firma Henschel am nördlichen Stadtrand Kassels.

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