Manche Fälle endeten mit dem Tod

Fünf Vergiftungen in Niedersachsen: Flüchtlinge verwechseln Pilze

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Wachsen im Garten: Farouq Marko (l.) und seine Tochter Batoul aus Syrien und Marco Giambalvo, Leiter der Espenauer Flüchtlingsunterkunft zeigen, wo die Pilze am Haus wachsen.

Kreis Kassel. Sie sind alle gewarnt. Überall in der Flüchtlingsunterkunft in Espenau hängen Hinweise, auf denen der giftige Knollenblätterpilz abgebildet und mit einem großen, roten Kreuz durchgestrichen ist.

„Achtung! Pilzvergiftung!“, steht dort in fetter Schrift. Die Plakate gibt es auf Arabisch, Persisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch, damit auch alle der 42 Bewohner der Unterkunft die Warnung verstehen können.

„Letztes Jahr haben wir die erste Mitteilung bekommen, dass Flüchtlinge in Niedersachsen die Pilze gesammelt und gegessen haben“, erklärt Marco Giambalvo, Leiter der Espenauer Flüchtlingsunterkunft. Daraufhin wurden die Aushänge verteilt und überall in der Unterkunft angebracht. Außerdem bekommt seither jeder Bewohner, der neu in Espenau ankommt, neben der Hausordnung auch das Blatt mit der Warnung vor dem giftigen Pilz von ihm ausgehändigt.

Vergiftung durch Pilze endeten teils tödlich

Nachdem sich vor Kurzem wieder fünf Flüchtlinge in Niedersachsen beim Verzehr des Knollenblätterpilzes vergiftetet haben, ruft das Gesundheitsamt Kassel erneut zu besonderer Vorsicht auf. Bereits in den vergangenen zwei Jahren kam es während der Pilzsaison immer wieder zu schweren Vergiftungen, teilweise mit Todesfolge.

Syrischer Pilz sieht Knollenblätterpilz ähnlich

Denn in Deutschland gibt es sehr giftige Pilzarten, die essbaren Pilzen aus anderen Teilen der Welt ähnlich sind. So gibt es offenbar in Syrien einen essbaren Pilz, der dem deutschen Knollenblätterpilz zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Teuflische am Grünen Knollenblätterpilz: Er riecht wie ein harmloser Speisepilz süßlich nach Honig und hat keinen unangenehmen Beigeschmack. Doch er ist für über 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich. Zunächst kommt es zu Magen-Darm-Problemen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Nach ein bis zwei Tagen treten Leberschäden, Blut- und Nierenfunktionsstörungen, im schlimmsten Fall ein komplettes Leberversagen auf, sodass nur noch eine Lebertransplantation das Leben eines Patienten retten kann.

Zur Sicherheit wurden die Pilze entfernt und im Müll entsorgt.

In Espenau hat es bisher keine Vorfälle gegeben und auch in Kassel und dem Rest des Landkreises gab es in diesem Jahr noch keine Vergiftungsfälle.

Die Familie Marko aus Syrien ist seit Anfang Juli in Espenau und hat schon am ersten Tag von Marco Giambalvo das Blatt mit der Warnung in die Hand gedrückt bekommen.

„Aus Syrien kenne ich den Pilz nicht“, sagt Farouq Marko, der mit seiner Frau Mariam, den Söhnen Yousef und Siban sowie der jüngsten Tochter Batoul über die Türkei und Griechenland vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet sind. Aber er weiß, wo ganz in der Nähe Pilze wachsen: Vor der ehemaligen Schule in Espenau, in der nun die Flüchtlinge vorläufig zu Hause sind.

Farouq Marko läuft einmal um das Haus und zeigt, wo im Gras und unter Sträuchern das feuchte Wetter die Pilze sprießen lässt – und reißt sie gleich aus dem Boden, um die spielenden Kinder nicht zu gefährden. „Nicht essen“, warnt der 48-jährige Familienvater seine Tochter immer wieder, und wirft gemeinsam mit Marco Giambalvo die Pilze in die Mülltonne.

Für ihn ist klar: „Wenn ich Pilze essen will, dann kaufe ich sie mir im Supermarkt“. Ebenso, wie er es in Syrien gemacht hat.

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