50.000 Euro sollen geflossen sein

Ex-VW-Mitarbeiter jetzt wegen Bestechung vor Gericht

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Hier haben die Angeklagten gearbeitet: Das Bild zeigt die Fassade des VW Werks in Baunatal. 

Baunatal/Kassel. Zwei ehemalige VW-Mitarbeiter aus dem Werk in Baunatal stehen jetzt in Kassel vor Gericht. Der Vorwurf: Bestechung - knapp 50.000 Euro sollen geflossen sein.

Kassel/Baunatal. Ist es ein geradezu klassischer Fall von Korruption oder ein harmloser Freundschaftsdienst? Diese Frage müssen Amtsrichterin Ferchland und ihre Schöffen in einem Bestechungsverfahren klären, in dem die Staatsanwaltschaft Frankfurt zwei ehemalige führende Mitarbeiter des VW-Werkes in Baunatal anklagt.

Auf der Anklagebank sitzt der ehemalige Leiter des Office Managements im VW-Werk Kassel. Der heute 53-jährige gebürtige Kasseler war für die Büroausstattung in Baunatal und die dortige Druckerei zuständig.

Neben ihm sitzt sein 1976 in der Türkei geborene Freund aus gemeinsamen Kasseler Schuljahren, den er 2003 zufällig in der VW-Kantine wiedersah. Der war damals Werkstattkoordinator im Abgasbereich und betrieb nebenbei eine kleine, aber moderne Druckerei als Familienbetrieb.

Büro-Chef soll Freund Druckaufträge beschafft haben

Zwischen 2008 und 2012, so Staatsanwalt Dr. Max Erhard in seiner Anklage, soll der Büro-Chef seinem Freund Druckaufträge im Wert von 850.000 Euro vermittelt haben – ohne Kontrolle durch VW und ohne alternative Angebote eingeholt zu haben, die nach Kenntnis der Staatsanwaltschaft bis zu 32 Prozent günstiger gewesen wären. Im Gegenzug soll der 41-Jährige seinem Freund Geld gegeben, seiner Frau für eine Scheinbeschäftigung 9600 Euro überwiesen oder Rechnungen bezahlt haben. Etwa für einen Familienurlaub in Thailand 6000 Euro, Betten- und Möbelkäufe für 8000 Euro, eine neue Küche für die vom Freund gekaufte Eigentumswohnung in Kassel für 15.000 Euro oder für Handwerkerarbeiten dort über 3000 Euro. Ein Auto für die Verwandtschaft des 54-Jährigen in Thailand (6000 Euro) oder ein neuer Backofen (900 Euro) waren auch noch drin.

Insgesamt, so Ankläger Erhard, sollen 47.362,38 Euro geflossen sein. Er beantragte die Einziehung des Schmiergelds von beiden Angeklagten. Die freilich bestritten über ihre Verteidiger alle Vorwürfe und verwiesen darauf, dass ihr früherer Arbeitgeber VW nach einer Güteverhandlung einen Vergleich mit beiden geschlossen und keinerlei Interesse mehr an einer Strafverfolgung habe. Dass Geld zwischen den beiden Schulfreunden geflossen ist, wurde nicht bestritten. Die Ehefrau des Älteren aber sei auf 400-Euro-Basis als Putzfrau ordnungsgemäß beschäftigt worden, Sozialabgaben seien abgeführt worden.

Steuermauschelei bei Wohnungsverkauf

Die Druckaufträge seien preisgünstig und oft über Nacht von dem 41-Jährigen ausgeführt worden, im Konzernvergleich nehme die Druckerei in Baunatal eine Spitzenstellung ein. Beim Verkauf der Eigentumswohnung räumten die Angeklagten kleine Steuermauscheleien ein, indem die Küche in den Kaufpreis eingerechnet, aber erst Jahre später eingebaut, deshalb auch dann erst vom 41-Jährigen bezahlt worden sei.

Das Geld für Urlaub, Auto und andere gute Gaben habe er dem stets klammen Freund leihweise gegeben, bestätigte der Jüngere. Der Ehemalige Office-Chef wiederum gab an, das Geld in bar zurückgezahlt zu haben. Es stamme aus den - zugegebenermaßen unversteuerten - Einnahmen seiner damaligen Ehefrau, die in einem Massagesalon erzielt worden seien. Das Gericht müsse jetzt erst einmal viel Aufklärungsarbeit leisten, begründete Richterin Ferchland den Umstand, dass sechs geladene Zeugen gestern unverrichteter Dinge heimgehen mussten.

Das Verfahren wird am Freitag, 23. März 2018, ab 10 Uhr in Saal E 116 fortgesetzt.

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