Experten sind Luchs in Nordhessen auf der Spur

Kreis Kassel. Die Kameras sind scharf geschaltet, jetzt fehlt nur noch das Model. Der Luchs ist eine sehr scheue Raubkatze. Menschen bekommen ihn nur selten zu sehen.

Um den Einzelgänger in Nordhessen dennoch zu erforschen, wurden Anfang November in einem gemeinsamen Projekt der Universität Göttingen, des Arbeitskreises Hessenluchs sowie der Forstämter Hessisch Lichtenau und Melsungen Kameras aufgestellt.

Die drei Untersuchungsgebiete südöstlich von Kassel umfassen eine Gesamtgröße von 650 Quadratkilometern. Anfang November wurden dort 40 Fotoapparate in wetterfesten Kästen an 20 verschiedenen Standorten angebracht - unter anderem im Kaufunger Wald. In der Nähe von Nieste beispielsweise hängen die Kameras an zwei gegenüberliegenden Baumstämmen. Diese Methode kommt in Nordhessen erstmals zum Einsatz.

Charakteristische Zeichnung 

„So können wir die Tiere von beiden Seiten aufnehmen. Das ermöglicht uns ihre individuelle Identifizierung anhand ihrer charakteristischen Fellzeichnung“, erklärt Dr. Markus Port. Der 40-Jährige ist Verhaltensökologe am Johann-Friedrich-Blumbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen. Er lebt in Helsa-St. Ottilien.

Überprüfen die Fotofallen für Luchse: Die Kasseler Biologin Franziska Paul und der Verhaltensökologe Dr. Markus Port von der Universität Göttingen tauschen den Speicherchip und die Batterien einer Kamera im Kaufunger Wald bei Nieste aus. Das kleine Bild zeigt eine der installierten Fotoapparate in einem wetterfesten Gehäuse. Fotos: Schippers

Unterstützt wird Port von freiwilligen Helfern. Eine von ihnen ist Franziska Paul aus Kassel. Die 24-Jährige hat Biologie studiert und wollte sich die Gelegenheit, an diesem Projekt teilzunehmen, nicht entgehen lassen. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler fährt sie nun die Standorte ab, um die Speicherchips und bei Bedarf die Batterien der Kameras auszutauschen. Kein leichtes Unterfangen bei niedrigen Temperaturen. Die Fotokästen sind mit Schlössern gesichert, die Schlüssel dafür sind klein und die Schlösser mit vor Kälte zitternden und steifen Fingern nur schwer zu öffnen. Eines ist eingefroren. Daher können Port und Paul nur eine Kamera prüfen.

Seit vier Wochen stehen die Apparate. „Sie haben sowohl einen Bewegungsmelder als auch einen Wärmesensor. Sie lösen also aus, wenn die Wärmesignatur eines vorbeilaufenden Tieres erkannt wird“, erklärt Port. Er ist gespannt, ob und wenn ja wie viele Luchse in die Falle getappt sind. Fast 60 Fotos hat die Kamera rechts vom Weg geschossen. Ob darauf Luchse zu sehen sind, werden Port und seine Helferin erst zu Hause herausfinden. Die erste Auswertung wird in den kommenden Wochen vorliegen.

Luchse in der Fotofalle

In der Nähe von Helsa hängen zwei weitere Fotofallen. Dort wurden deutlich mehr Bilder gemacht. Die Kamera links vom Weg zeigt 152 Bilder an, die auf der rechten Seite sogar 201. An dieser Stelle hat einer der Apparate während der Testphase auch schon einen Luchs fotografiert. Die Chancen, dass sich die Raubkatze auch auf den aktuellen Aufnahmen findet, scheinen also nicht schlecht zu stehen - auch wenn die meisten Fotos wohl Fußgänger oder andere Wildtiere zeigen werden. Sie werden alle sorgsam gelöscht.

„Keine Sorge“ 

Während Port und Paul ihre Arbeit erledigen, kommt eine Spaziergängerin vorbei. Sie möchte wissen, ob die Wissenschaftler schon einen Luchs entdeckt haben. „Beißen die denn?“, fragt sie den Experten. Doch Port kann sie beruhigen. „Keine Sorge, die tun nichts.“ Sollte es tatsächlich einmal vorkommen, dass ein Fußgänger einem Luchs begegnet, dann solle er den Luchs einfach Luchs sein lassen, rät der Experte. Man solle nicht auf ihn zugehen, beispielsweise um ein Foto zu machen. „Dann lässt einen das Tier auch in Ruhe.“

Port selbst hat noch keinen Luchs in freier Wildbahn gesehen. Dennoch schlägt sein Herz für die Raubkatzen, die sich in seiner Heimat angesiedelt haben: „Luchse sind elegante und erhabene Tiere und ein Sinnbild für eine unberührte Natur.“

Von Nicole Schippers

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