Gemeinden suchen immer wieder Sargträger - Emotionale Belastung ist hoch

Feingefühl sehr wichtig

Absprache ist wichtig: Hier lassen die fünf Sargträger, darunter auch Erich Wiegand (Dritter von links) im September den Sarg von Thies Fischer gleichmäßig zur Erde. Foto: privat/nh

Fuldatal. „Für viele ist die Nähe zum Tod belastend“, sagt Heike Woltschinsky, die für das Bestattungswesen in Fuldatal zuständig ist. Deshalb fehlen in vielen Städten und Gemeinden, wie in Fuldatal und Ahnatal, immer wieder Sargträger. „Wir suchen rüstige Rentner, die täglich verfügbar sind“, sagt Woltschinsky.

Aktuell hat die Gemeinde zehn Sargträger. Es sei nicht so leicht, Leute zu finden, die diese Arbeit übernehmen. „Nicht viele machen das gern“, sagt Woltschinsky. Aber wenn in der Gemeinde wirklich einmal ein Helfer gebraucht wurde, habe sich immer jemand gefunden.

In Ahnatal arbeiten momentan sieben Männer als Sargträger. „Das sind zu wenige. Es kann ja mal einer ausfallen“, sagt Michael Kröning von der Friedhofsverwaltung. „Die meisten Beerdigungen sind um 11 oder 14 Uhr, deshalb suchen wir primär Rentner oder Nebenberufler.“

Zum Einsatz kommen die Träger in der Regel bis zu vier Mal im Monat. „Die Helfer sind bei uns mit einer Steuerkarte gemeldet und bekommen 25 Euro pro Einsatz“, sagt Woltschinsky. Für eine Erdbestattung werden sechs Träger benötigt. „Für uns arbeiten vorwiegend Männer, die für das Bauamt tätig waren.“

„Es geht sehr ans Gemüt, wenn junge Menschen sterben und die Eltern bei der Beerdigung sehr emotional sind.“

Erich Wiegand

Einer von ihnen ist Günter Huppach aus Ihringshausen. Der ehemalige Bauhofmitarbeiter hat im Januar 2000 zum ersten Mal als Sargträger gearbeitet. Früher hat Huppach drei- bis viermal im Monat beim Sargtragen geholfen. „In den vergangenen zwei Jahren sind es weniger Särge geworden. Jetzt gibt es mehr Urnenbestattungen“, sagt Huppach. Belastet hat ihn die Arbeit nie. „Die meisten Verstorbenen kenne ich ja nicht. Das Sargtragen ist dann mehr eine Art Freizeitbeschäftigung.“

Anders ist das für Erich Wiegand aus Ahnatal. Der 68-Jährige war beim Bauhof in Ahnatal tätig und half dort bereits beim Zuschütten der Gräber. „Vor acht Jahren wurde ich gefragt, ob ich nicht ab und zu tragen will. Daraus wurden jährlich etwa 25 bis 30 Einsätze“, sagt Wiegand.

„Es geht sehr ans Gemüt, wenn junge Menschen sterben und die Eltern bei der Beerdigung sehr emotional sind.“ Er dürfe in einem solchen Fall nicht nachdenken. „Sonst bekomme ich Gewissensbisse, denn wir Sargträger sind es, die den Angehörigen beim Hinablassen des Sarges den Verstorbenen für immer wegnehmen“, sagt Wiegand.

Besonders wichtig bei einer Beerdigung sei deshalb das Auftreten der Sargträger. „Man muss sich immer der Situation anpassen“, sagt Wiegand. Unter Anpassung versteht er, dass Kleidung, Mimik und Gestik der Sargträger der Trauer Ausdruck verleihen müssen.

An die Arbeit gewöhnt

Zudem ist die Absprache unter den Sargträgern wichtig. „Wir klären vorher, wer wo trägt und bringen den Verstorbenen dann in die Halle“, sagt Günter Huppach. Dort sprechen die Sargträger ein kurzes Gebet, um den Toten zu verabschieden, bevor der Pfarrer die Beerdigungszeremonie beginnt.

Beide Sargträger haben sich inzwischen an die Arbeit und den regelmäßigen Umgang mit dem Tod gewöhnt. „Man stumpft ab. Aber wenn man darüber nachdenkt, ist die Arbeit schon ein bisschen seltsam“, sagt Huppach.

Von Julia Mohr

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