Steuerbox statt Seilzug

Fliegerstaffel: Wie die Hubschrauber hat sich die Arbeit der Flugtechniker verändert

Hier wurde überbrückt: Günther Scholze, einer der ersten Flugtechniker, mit der rechten Hand am Schalter P 2 der Turbine einer Alouette, der beim Starten gelegentlich nicht funktionierte.

Fuldatal. Hubschraubertechnik damals und heute - „die Hauptbauteile wie Rotor, Getriebe, Antriebswellen wurden über Jahrzehnte und Maschinentypen zwar verbessert, sind aber grundsätzlich gleich geblieben“, sagt Hauptkommissar Rainer Philipp. 

Er ist Flugtechniker der Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal. „Die Steuerung hat sich aber gravierend verändert.“

Dies wird im Hangar auf den ersten Blick deutlich, wo eine ausrangierte Alouette neben zwei Eurocopter vom Typ EC 135 und EC 155 stehen. Hier Seilzüge zur mechanischen Steuerung des Heckrotors, dort ganze Batterien von digitalen Steuerboxen auch für den Heckrotor.

Damals sei die Alouette, der erste turbinengetriebene Hubschrauber auf dem Markt, eine sehr moderne Maschine gewesen, sagt Günther Scholze. Der kam im Januar 1965 zur Fliegerstaffel und war dort ununterbrochen bis zu seiner Pensionierung 2001 Bordwart, technischer Leiter und Prüfer von Luftfahrtgerät.

Fotos von den Flugtechnikern

Die Flugtechniker der Fliegerstaffel Fuldatal

Die Alouette, als Fluggerät „sehr leicht zu handeln und besonders wartungsfreundlich“, hatte auch ihre Eigenarten. So kam es „hin und wieder vor“, dass sie einmal gelandet und abgestellt, zum Beispiel während der Grenzüberwachung, nicht wieder ansprang, erinnert sich Scholze. Ursache, ein Schalter, genannt P 2, „überbrückte den Strom nicht“. Das System ließ sich aber mit einem kurzen Draht leicht überlisten. „Für diesen Zweck hatten die Kollegen immer eine Büroklammer in der Ärmeltasche.“

Heute müsste ein ganzes Bauteil gewechselt werden, sagt Philipp. Allerdings haben moderne Hubschrauber bei „lebenswichtigen Aggregaten immer ein Zweitsystem im Stand-by auf der Maschine“. Sollte beim EC 155 eines der beiden Triebwerke ausfallen, gebe es sogar eine dritte Möglichkeit. Philipp: „Man kann die Daten von dem intakten Triebwerk überspielen.“

Alles digital: Flugtechniker Rainer Philipp beim Auswechseln einer Elektronik-Steuerkarte im EC 155. Fotos: Schräer

Das Mehr an Technik moderner Hubschrauber habe klare Vorteile, sagen der ehemalige und der gegenwärtige Co-Pilot. Noch in den 70er- und 80er-Jahren hatte er als Bordwart eine Karte auf dem Schoß zur Bestimmung der Flugrichtung, sagt Scholze. Heute gibt Philipp die Flugziele ins Navigationsdisplay ein und „hat mehr Zeit im Cockpit für die Polizeiarbeit“.

Denn beim „helfenden Mitglied an Bord“ gehören neben Navigation, Funkverkehr, Kraftstoffberechnung, Überwachung der Bordinstrumente, Bedienung von Lasthaken oder Seilwinde auch die Führung und Leitung des Einsatzes aus der Luft zur Aufgabe.

Hinzu kommt die Arbeit am Boden wie Reparatur und Wartung der Maschinen. Wobei jede Arbeit protokolliert „lückenlos nachvollziehbar ist“, sagt Philipp. 2000 bis 3000 Stunden fliegen die Maschinen der Staffel pro Jahr. Auf jede Flugstunde kommen im Schnitt viereinhalb Wartungsstunden. Bei Großkontrollen stehen die Maschinen bis zu einem halben Jahr.

Schäden an Ritzel und Heckrotor

Die Reparatur von Hubschraubern im Einsatz „macht die besondere Würze unseres Berufes aus“, meint Flugtechniker Rainer Philipp. Zum Beispiel, als der Rettungshubschrauber Christoph 2 (Frankfurt) auf einem Autobahnkreuz stand und das Triebwerk nicht mehr ansprang. Wie sich später herausstellte, weil ein Anlasserritzel gebrochen war. Es war Samstagabend und Eile geboten. Denn die Autobahnpolizei habe klargemacht: „Wächst der Stau von acht auf 16 Kilometer, würde der Hubschrauber einfach von der Straße geschoben.“ Dies konnte Philipp verhindern.

Sein schwierigster Fall war ein Schaden am Heckrotor von Christoph 2. In 45 Meter Höhe, auf dem Dach eines Krankenhauses in Frankfurt, montierte der Techniker den kompletten Heckausleger mit 30 einzelnen Baugruppen ab und erneuerte ihn. Nach einer Woche dann die Tests mit Maschinenlauf am Boden, im Schwebe- und im Prüfflug. (mic)

Hintergrund

Bei der Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal arbeiten 18 Flugtechniker. Sie betreuen eine Flotte von 13 Transport-, Beobachtungs- und Zivilschutzhubschraubern, die zwischen 1999 und 2012 komplett erneuert wurde. (mic)

Von Michael Schräer

Mit dieser Folge endet unsere Serie.

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