Grundschulkinder aus Nieste trainierten, sich in Gefahrensituationen zu behaupten

Vor der Flucht laut brüllen

Wer lautstark brüllt, hat eine größere Chance zu entkommen: Polizeioberkommissar Axel Höhmann (von links) bei einer Übung mit Jannick Loch und Tilly Werner. Foto: Schockenhoff

NIESTE. „Im wahren Leben bin ich gar nicht so böse, wie ich jetzt tue“, sagt Axel Höhmann und macht gleich darauf ein grimmiges Gesicht. Mit ausgebreiteten Armen geht er auf die Viertklässlerin Lina zu und fragt mit tiefer Stimme: „Na, wo gehst du denn hin?“ Dass ihr der fremde Mann so nahe kommt, ist der Schülerin unangenehm, doch für die verabredete Reaktion braucht sie einige Sekunden. Schließlich brüllt sie ihn an: „Lassen Sie mich in Ruhe“, und läuft davon. „Gut“, sagt Höhmann und macht wieder ein freundliches Gesicht. „Wer ist der Nächste?“

Höhmann, Polizeioberkommissar beim Polizeirevier Kassel-Ost, übte am Donnerstag mit den Dritt- und Viertklässlern der Grundschule Nieste, wie sie reagieren sollen, wenn sie von Erwachsenen belästigt oder gar bedroht werden. Dazu gehört ein bestimmtes Auftreten: Nicht den Blick zu senken; genau darauf zu achten, wie nahe Fremde an einen herankommen und sich vor allem nicht zu scheuen, um Hilfe zu bitten. Diese Tipps gab Höhmann den Kindern mit auf den Weg.

Dass es gar nicht so einfach ist, sich lautstark zur Wehr zu setzen, merkten die Kinder in Übungen mit Höhmann. Was sie schreien sollen, hatte der Polizeioberkommissar im Vorfeld mit den Kindern besprochen. Einfaches Kreischen oder laut sein bringe wenig. Besser seien Sätze, die andere Menschen alarmierten wie „Polizei“ und „Feuer“. Für die Übungen forderte Höhmann die Schüler dazu auf, den Täter zu erschrecken und dessen Überraschung zur Flucht zu nutzen. Doch auch das ist gar nicht so leicht. Bei der Übung auf dem Schulhof brüllte die neunjährige Tilly Axel Höhmann zwar laut an, doch dieser packte trotzdem ihren zehnjährigen Klassenkameraden Jannick am Kragen, als er abhauen wollte. „Lauft lieber in die andere Richtung davon, nicht an mir vorbei“, ermahnte Höhmann. „Mit meinen langen Armen kann ich euch trotzdem noch festhalten.“

Für beide Kinder war die Übung beeindruckend. Jannick hat es gegruselt, als ihn der Polizist festhielt, Tilly fand es „echt komisch“, so laut zu schreien. Axel Höhmann war am Ende zufrieden mit dem Verhalten der Kinder, genau wie die Klassenlehrerinnen Nadja Bartram und Ulrike Osterhorn-Heyser. „Für das erste Mal hat es gut funktioniert. Je öfter die Kinder üben, zum Beispiel im Sportunterricht, desto größer ist die Chance, dass es auch unter Stress gut klappt“, meinte der Polizeioberkommissar.

Von Rike Schockenhoff

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