Ein Foto voller Geschichte(n): Magazin „Stern“ zeigte ein Bild aus Altenbauna

Baunatal. Das Bild ist in diesen Tagen durch Millionen Hände gegangen. Und mancher ältere Baunataler dürfte beim Anschauen gestaunt haben. Das Magazin „Stern“ zeigte als Auftakt seines Journals „125 Jahre Automobil“ ein Foto vom Baunsberg aus dem Jahr 1966.

Ein Vater prüft den Ölstand seines VW 1500, seine Söhne schauen gebannt zu. Ein Bild, hinter dem Geschichte steckt – Familien-, Stadt- und Industriegeschichte. Auch politische Geschichte. Den Vater auf dem Foto kennen viele als VW-Betriebsratsmitglied (ab 1972), das er auch als SPD-Bundestagsabgeordneter in den 80er-Jahren blieb. Zu sehen ist Albert Nehm mit seinen Söhnen Manfred und Erwin. Aufgenommen hat die drei Josef Heinrich Darchinger, ein international renommierter Fotograf. Der arbeitete damals für die SPD und brauchte Bilder für Werbematerial. Eigentlich, so erinnert sich der 85-jährige Bonner, sollten die Fotos im VW-Werk entstehen, es gab dafür eine Genehmigung. Doch die zog der Konzern plötzlich zurück. „Die befürchteten Spionage“, sagt Albert Nehm, heute 79.

Ein Ersatzmotiv musste her. Das Duo fuhr in die noch kahle Birkenallee, wo die Nehms wohnten, ehe sie später nach Kirchbauna zogen. Der Vater holte die Söhne Manfred und Erwin, Darchinger zückte die Kamera. „Die haben geschauspielert wie Naturtalente“, so lobt der Fotograf die Jungen, damals elf und acht Jahre alt.

Wieder die Birkenallee: Albert, Manfred und Erwin Nehm (von links) auf der zugewachsenen und stark bebauten Straße.

Darchinger, der in seinem Berufsleben Zehntausende Fotos vor allem für Spiegel und Stern geliefert hat, kam nie wieder nach Baunatal. Aber er erinnert sich auch nach 45 Jahren an Details. An die Enttäuschung Nehms wegen des Fotoverbots im Werk und auch daran, wie sie abends dann doch grünes Licht für Aufnahmen am Arbeitsplatz erhielten. Nehm härtete damals Tellerräder. Heiß und schmutzig sei es zugegangen. Darchinger schwärmt zudem vom bescheidenen, aber bestimmten Auftreten Nehms als Politiker aus der Arbeiterklasse. „Der war gradlinig, Winkelzüge lagen ihm nicht.“

Nehm wiederum erzählt, wie man sich – er als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter – ein gutes Jahrzehnt später wiedersah. „Der Darchinger war erfreut, als ich plötzlich in Bonn war.“

Die Söhne haben kaum Erinnerung an die Fotoaktion. „Ich weiß nur noch, da war jemand bei uns zu Hause, und es lief etwas Besonderes“, erzählt Erwin Nehm (54). Er und sein Bruder traten in Sachen Arbeitgeber später in die Fußstapfen des Vaters. Auch der Jüngste, Thomas (44), tat es ihnen nach, zurzeit ist er für VW in Argentinien tätig. Manfred Nehm, nun Elgershäuser, setzt auch das politische Engagement fort, als Erster Beigeordneter in Schauenburg.

Die Rechte an dem Bild, das der Stern abdruckte, hat heute die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung.

Von Ingrid Jünemann

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