Körperverletzungen, Bedrohungen, Nötigungen

Letzter Ausweg Frauenhaus: Mutter und Töchter jahrelang von Familienvater misshandelt

Kreis Kassel. Häusliche Gewalt in Stadt und Landkreis Kassel nimmt zu - das bestätigen die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik. Wir haben anlässlich des heutigen Tages gegen Gewalt an Frauen mit einer Betroffenen gesprochen.

Körperverletzungen, Bedrohungen, Nötigungen – all dies war für Petra M.* (Name zum Schutz der Betroffenen von der Redaktion geändert) Alltag. 24 lange Jahre. Erst vor einem Jahr schaffte sie es, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann zu trennen. Sie zog mit ihren beiden neun und zwölf Jahre alten Töchtern ins Frauenhaus im Landkreis Kassel. Es war eine Flucht von Süd- nach Nordhessen.

Man merkt der dunkelhaarigen Frau ihre schicksalhaften Jahre nicht an. Sie wirkt stark, optimistisch, kraftvoll. Doch in ihr drin sah es lange Zeit anders aus: „Ich hatte die ganzen Jahre enorme Angst vor den Folgen einer Trennung. Und durch die ständige Gewalt habe ich immer mehr die Achtung vor mir selbst verloren“, erzählt die 49-Jährige.

Doch dann drohte das Jugendamt aufgrund akuter Kindeswohlgefährdung – der gewalttätige Vater machte auch vor den Töchtern nicht Halt – damit, die Kinder im Heim unterzubringen. Das brachte bei Petra die Wendung. Sie entschied sich gegen ihren Mann und für die Trennung – zum Wohl ihrer Kinder. Knapp ein Jahr dauerten die Vorbereitungen für den Auszug, immer wieder sortierte sie heimlich, wenn ihr Mann nicht zuhause war, Sachen aus.

Traumatisiert und ängstlich

Ein halbes Jahr, bis August diesen Jahres, lebte sie mit ihren Töchtern im Frauenhaus im Landkreis Kassel. „Wir waren damals sehr traumatisiert und ängstlich. Das sind wir heute auch noch, aber so langsam erleben wir so etwas wie Alltag.“ Zu verdanken habe sie diese Entwicklung vor allem ihrer Betreuerin im Frauenhaus.

Ihre beiden Töchter leben derzeit in Obhut, sie werden zusammen mit anderen Kindern in einer Einrichtung psychologisch betreut. Petra besucht sie einmal pro Woche. „Das war ein sehr schwerer Schritt für mich, meine Kinder vorübergehend abzugeben. Aber ich habe selbst als Kind mitbekommen, wie meine Mutter in Kliniken betreut wurde. Das will ich für meine Töchter nicht.“ Bereits seit 15 Jahren ist sie in Therapie, Gewalt gehörte seit Kindesbeinen an zu Petras Alltag: Der Vater war Alkoholiker, der regelmäßig ihre Mutter schlug.

„Nach außen hin ist mein Mann der liebste Mensch der Welt, regelrecht schüchtern“, erinnert sich Petra. Mehrmals habe er ihr mit Selbstmord gedroht, wenn sie ihn verlässt. Auch das habe sie lange Zeit an einer Trennung gehindert: „Wenn er seine Drohungen wahr gemacht hätte, wie hätte ich meinen Kindern noch in die Augen sehen können? Ich wäre doch an seinem Tod schuld gewesen.“

Weitere Therapie

Heute lebt Petra in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen im Landkreis, die Scheidung läuft. Als nächster Schritt stehe eine mehrwöchige Therapie in einer Klinik an. In einem halben Jahr will sie gemeinsam mit ihren Töchtern in eine Wohnung ziehen.

Anderen Betroffenen rät sie, sich Hilfe zu suchen. „Die Beratungsstellen halten ihre Schweigepflicht ein. Dort ist ein geschützter Raum, man ist in Sicherheit. Wenn man erstmal die Angst verloren hat, ist der erste Schritt getan.“

Anlaufstellen für Opfer von Gewalt

• Bundesweites, kostenloses Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000/116016 • Autonomes Frauenhaus Kassel: 0561/89 88 89 • Frauen informieren Frauen (FiF) Kassel:0561/89 31 36 • Frauenhaus Landkreis Kassel: 0561/4 91 01 94

Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel: Es gibt fünf Beratungsstellen:

• Baunatal: An der Stadthalle 7; Tel.: 0561/4910434 mo. bis do.: 9.30 bis 12 Uhr, di. bis do.: 14 bis 16 Uhr • Lohfelden:Rathaus, Lange Straße 20; Tel.: 0561/ 5 11 02 17 mo.: 10 bis 11 Uhr • Hofgeismar:Große Pfarrgasse 1; Tel.: 05671/ 92 08 28 mi.: 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr • Wolfhagen: Diakoniezentrum, Schützeberger Straße 12; Tel.: 0561/4 91 04 34 Sprechstunde nur nach telefonischer Vereinbarung • Niestetal:Familienzentrum, Heiligenröder Straße 70; Tel.: 0561/4 91 04 34 Sprechstunde jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat von 10 bis 11 Uhr E-Mail: frauenberatung-lk-kassel@t-online.de

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