Kasseler Amtsgericht glaubt Vorwürfen gegen den Angeklagten durch bereits verurteilten Täter nicht

Freispruch nach Handtaschenraub

Baunatal. Normalerweise gibt es für einen Angeklagten wenig Ungünstigeres als von seinem Mittäter angeschwärzt zu werden. Warum, so denken Juristen, sollte ein geständiger Täter einen Unschuldigen mit sich ins Unglück stürzen wollen?

Zwei Raubüberfälle

Dennoch endete der Prozess gegen einen 22-Jährigen, der zusammen mit einem bereits verurteilten Bekannten zwei Raubüberfälle in Baunatal begangen haben sollte, am Donnerstag mit einem glatten Freispruch.

„Es hat nicht gereicht zum Tatnachweis“, erklärte Richterin Schiborr nach zwei Verhandlungstagen vor dem Kasseler Amtsgericht. Und mehr noch: „Es blieb der Eindruck bestehen, dass das eine abgekartete Aktion gegen Sie war.“ Also: eine gezielte Falschbeschuldigung durch den Mann, der wegen dieser beiden (und diverser weiterer) Taten schon im Januar zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden war.

Und der nun im Prozess gegen den 22-Jährigen der einzige Zeuge gewesen war, der den Angeklagten der Mittäterschaft bezichtigt hatte. Sonst hatte niemand die Täter erkannt. Auch die Opfer nicht. Denn es waren leichte Opfer gewesen: Erst versuchten die Räuber, einer 91-Jährigen die Handtasche wegzureißen (was ihnen nicht gelang).

„Es hat nicht gereicht zum Tatnachweis.“

Richterin Schiborr

Dann, nur elf Tage später, schubsten sie einen betrunkenen 54-Jährigen in ein Gebüsch und nahmen ihm sein Portemonnaie mit 50 Euro ab. Beides in der Birkenallee in Baunatal, beides im August 2011. Wohl um Geld für Cannabis und Alkohol zu beschaffen.

„Wir reden meistens über Geld“, sagte ein Mann, der zuerst mit dem Angeklagten und danach mit dem verurteilten 23-Jährigen zusammengewohnt hatte. „Das ist das Hauptthema.“ Die Hartz-IV-Sätze reichen eben nicht aus, um die bevorzugten Freizeitbeschäftigungen zu finanzieren: Saufen und Kiffen.

Schlüsselfigur

Der 21 Jahre alte Ex-Mitbewohner wurde in dem Verfahren zu so etwas wie einer Schlüsselfigur: Mit dem Angeklagten hat er aus der Zeit des gemeinsamen Wohnens noch die eine oder andere Rechnung offen.

Sogar aus dem Jugendknast, in dem er derzeit einsitzt, soll er ihm kürzlich eine Droh-SMS geschickt haben. Und mit dem 23-Jährigen ist er auf Raubzüge gegangen. Vielleicht auch damals im August 2011, als er unter laufender Bewährung stand?

Sodass ihn sein Kumpel mit der Beschuldigung des Angeklagten decken wollte? Geklärt werden konnte das nicht.

Doch Gericht wie Staatsanwaltschaft sahen genug Motive für ein Komplott gegen den Angeklagten, dass sie es zumindest nicht ausschließen mochten.

Der 21-Jährige hatte eine solche Racheaktion an seinem ehemaligen Mitbewohner allerdings vehement bestritten: „Warum soll ich so einen Scheiß machen?“, fragte er. „Wenn ich aus dem Knast rauskomme und ihn treffe, kläre ich das auf meine Art.“

Von Joachim F. Tornau

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