Der Turm der Kaufunger Stiftskirche wird saniert - 800 Jahre alte Eichenbalken bleiben erhalten

Frischekur für eine alte Dame

Luftiger Arbeitsplatz: Noch bis Oktober sind Zimmerermeister Frank Reinhardt (rechts) und Zimmerergeselle Fabian Martin damit beschäftigt, die uralten Eichenbalken in der Turmhaube der Stiftskirche von Oberkaufungen behutsam zu erneuern. Fotos: Stier

Kaufungen. Silke Does dreht den Schlüssel herum und drückt den Aufwärts-Knopf. Ruckelnd setzt sich die stählerne Plattform in Bewegung und zieht sich an den Zahnrädern gemächlich himmelwärts am Turm der Kaufunger Stiftskirche empor. Stopp in 25 Metern Höhe. Weit reicht der Blick über verschachtelte Fachwerkhäuser bis zu den Höhenzügen des Kaufunger Waldes.

Der Wind weht frisch durch die über 800 Jahre alten Eichenholzbalken der Turmhaube, die von den historischen Sandsteinschindeln und den mächtigen Zifferblättern der Turmuhr befreit ist. Schützende Plastikplanen rascheln sacht. Hier oben ist für einige Monate der Arbeitsplatz der Zimmerer Frank Reinhardt und Fabian Martin, die dem maroden Gebälk eine Frischekur verpassen und es so fit für die nächsten zwei Jahrhunderte machen.

„Die Stiftskirche ist eine alte Dame, an der der Zahn der Zeit genagt, die aber tapfer durchgehalten hat“, beschreibt Statiker Peter Hegewaldt den Zustand des Bauwerkes.

Fast 1000 Jahre hat die „alte Dame“ schon auf dem Buckel - und das sieht man. Verfaulte Balken müssen herausgeschnitten und durch andere ersetzt werden, die selbst schon einige Jahrhunderte in anderen, abgerissenen Gebäuden ihren Dienst verrichteten. Die Konstruktion ist windanfällig, schwankt leicht bei Sturm, die Bewegungen haben die Steine der Mauerkrone bröckeln lassen.

Jetzt, so Architekt Martin Burischek, werden im Turminneren Stahlbänder eingezogen, die dem Bauwerk eine höhere Standfestigkeit geben sollen.

Das alles geschieht sozusagen in einer Operation am offenen Herzen. Sicherlich hätte man auch die komplette Turmhaube herunternehmen und so leichtere Arbeit haben können. Aber: „Im Turm ist kaum etwas gerade, alles ist krumm und schief und hat sich im Lauf der Jahrhunderte eingependelt und zurechtgerüttelt.“ Würde man die Haube abnehmen, bliebe vom Original kaum etwas übrig.

Genau aber das ist das Ziel: Von der Baukunst der Altvordern soll so viel wie möglich erhalten bleiben. Das gilt auch für die noch von Hand gebrochenen Sandsteinschindeln. Die meisten werden aufbereitet und kommen wieder aufs Dach, Ersatz für die zerbrochenen Schindeln kommt von historischen Baustoffdeponien aus dem südniedersächsischen Solling.

Hegewaldt: „Die Stiftskirche ist das südlichste Bauwerk, das mit Schindeln aus dem Solling gedeckt ist.“ Und es wird wohl auch das letzte sein, denn Nachschub für die Schindeln gibt es nicht mehr. „Wenn in 150 oder 200 Jahren die nächste Sanierung ansteht, wird es wohl ein Schieferdach geben müssen“, sagt Architekt Burischek.

Die Handwerker sind Spezialisten für uralte Gebäude, zu denen sie in ihrer monatelangen Arbeit ein geradezu inniges Verhältnis entwickeln. Burischek: „Dabei bekommt man Ehrfurcht von der handwerklichen Leistung unserer Vorfahren, deren Arbeit Jahrhunderte überdauert hat.“

Bis Oktober sollen die Arbeiten am Turm dauern, was sie einmal kosten werden, steht noch nicht fest. Für jedes der geplanten acht Sanierungsjahre stehen 450 000 Euro zur Verfügung. „Wir arbeiten jeweils, bis das Geld alle ist und dann sehen wir weiter“, sagt Burischek. Im nächsten Jahr ist das Mauerwerk des gut 40 Meter hohen Turmes an der Reihe.

Von Thomas Stier

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