Über die Flucht und das Ankommen

Landkreis Kassel zeigt Werke von 15 Künstlern aus der Region

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Flucht damals und heute: Eine Detailaufnahme der Installation von Künstlerin Claudia Arndt.

Fuldabrück. Wer auf der Flucht ist, hat nur ein Ziel: irgendwo anzukommen. Die Angst, die Strapazen und das Leid sind nur so auszuhalten. Wer die Reise übersteht, kommt in den meisten Fällen zuerst einmal in einer Gemeinschaftsunterkunft an.

Hier sieht es meist so aus: eine große Halle, Räume abgetrennt durch Sperrholzplatten, mehrere Menschen in einem Raum, Bettgestelle und Spinde wie in einer Kaserne. Türen gibt es hier nicht. Aber zumindest Sicherheit.

In einer solchen, aktuell nicht genutzten Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises Kassel in Fuldabrück-Bergshausen findet ab Freitag eine Ausstellung des Bundesverbandes Bildender Künstler (BBK) Kassel Nordhessen e.V. und des Landkreises Kassel statt. „:angekommen“ heißt die Ausstellung, die in den für Flüchtlingen vorgesehenen Wohnbereichen präsentiert wird und von der Kasseler Sparkasse unterstützt wird.

Ein ungewöhnlicher Ort für Kunst. „Die Ausstellung bietet einen Perspektivwechsel und es ist sehr heilsam zu sehen, wie Menschen bei uns leben müssen“, sagt Jörg Roßberg, Leiter des Fachbereichs Soziales im Landkreis. Die Halle, die bisher noch nie genutzt wurde, bietet Platz für 470 Menschen, die in Parzellen für je vier Personen unterkommen.

Für die 15 ausstellenden Künstler war es eine besondere Herausforderung, Arbeiten für diesen Ort zu schaffen. „Die Halle hat eine ganz eigene Ästhetik“, sagt Lutz Kirchner, Ausstellungsorganisator und Künstler. Es habe auch Künstler gegeben, die der Raum so bedrückt habe, dass sie ihre Bewerbung zurückgezogen hätten. „Der Raum wehrt sich“, sagt auch Hildegard Schwarz, die gemeinsam mit Kirchner die Schau konzipiert hat und auch selber ausstellt.

Schauten sich die Ausstellung an: Ausstellungsmacher Lutz Kirchner (von links), Kreissprecher Harald Kühlborn, Jörg Roßberg, Leiter Fachbereich Soziales im Landkreis, Ausstellungsmacherin Hildegard Schwarz sowie Vizelandrätin Susanne Selbert in der Gemeinschaftsunterkunft. Im Hintergrund ist die Installation Gedankenfäden von Friedemann Baader zu sehen.

Die Antwort, wie die Künstler mit dem Raum und seiner Ästhetik zurechtgekommen sind, findet sich in den Arbeiten. Manche sind nüchtern, andere emotional oder intellektuell.

Herausgekommen sind eindrückliche, manchmal verstörende und oft berührende Kunstwerke. Der Kasseler Künstler Christian Balcke hat zum Beispiel seine Parzelle gemeinsam mit dem Syrer Atef Khaitou gestaltet. Auf Papier zeichnen sie den Weg der Flüchtlinge aus dem zerstörten Kriegsgebiet über das Meer, mit unbekanntem Ziel.

Ilka Christofs Installation lebt im Gegensatz dazu von dem Zusammenspiel von Malerei, Fotografie und Installation. In einem Wassertank liegen kleine Figuren. Die darüber hängende Leinwand wirkt bedrohlich, wie eine über diese ertrunkenen Menschen hereinstürzende Welle. Allen gemeinsam ist die intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, das uns alle angeht.

Die Ausstellung „:angekommen, Kunst in der Gemeinschaftsunterkunft Bergshausen“ läuft von Freitag, 29. September bis Samstag, 25. November. Öffnungszeiten: freitags 14 bis 17 Uhr, samstags 10 bis 17 Uhr und sonntags 14 bis 17 Uhr.

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