Im Schwälbchen gelandet

1963 setzte der erste Pilot der Fliegerstaffel in Ihringshausen auf

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Offiziell eingeweiht: Am 28. November 1963 wurden erstmals die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Hessen auf dem Gelände der Grenzschutz-Unterkunft Ihringshausen gehisst.

Fuldatal. Siegfried Rudzick war einer der ersten am neuen Standort des Bundesgrenzschutzes in Ihringshausen. Zusammen mit den Kollegen aus drei Hundertschaften und dem Stab der Ausbildungsabteilung Mitte zog er von Eschwege in die Liegenschaft. Dies war im September 1963.

Vier Mannschafts- und ein Stabsgebäude seien fertig gewesen, ansonsten „gab es viele Baugruben“, erinnert sich der heute 81-Jährige. Mit dem Aufbau sei es dann Stück für Stück weitergegangen.

Einen Monat später kam die Fliegerstaffel nach Ihringshausen. Am 25. Oktober landete Oberleutnant Ackermann mit dem leichten Beobachtungshubschrauber Alouette (französisch „Schwälbchen“) auf dem Gelände. Drei weitere dieser Maschinen folgten samt 13 „Männern der ersten Stunde“. Deren Aufgabe war in erster Linie, die innerdeutsche Grenze aus der Luft zu überwachen. Am Boden in Ihringshausen mussten die Hubschrauber mit Planen abgedeckt oder in Kfz-Hallen untergestellt werden. Landeplatz, Hangar und Tower waren noch in Planung.

Am 28. November 1963 war aber bereits der offizielle Akt. Im Beisein zahlreicher Ehrengäste wurden die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Hessen gehisst, die Grenzschutz-Unterkunft Ihringshausen offiziell eingeweiht. Ungezählte Grenzschützer hat Siegfried Rudzick bis 1987 („mit kleinen Unterbrechungen im Ausland“) in Ihringshausen an der Waffe („ohne scharfe Munition“), auf dem Exerzierplatz oder auf dem Übungsgelände mit den Resten alter Bunker der Munitionsanlage ausgebildet.

Als Grenzjäger der 1. Hundertschaft kam Werner Mathis Ende 1969 nach Ihringshausen. Und erlebte zahlreiche Veränderungen. So wurde ab 1970 auf dem Frankfurter Flughafen aufgrund der internationalen Terrorlage Streife gegangen auf dem Vorfeld der Startbahn und in den Terminals. Mathis wurde wie viele andere dazu abkommandiert.

Als Folge der Katastrophe während der Olympischen Sommerspiele in München 1972 wurde die Grenzschutzgruppe (GSG) 9 als Antiterroreinheit eingerichtet. Dazu musste auch die GSG 4 aus Ihringshausen Planstellen abgeben, wurde 1976 ganz aufgelöst. Mathis musste daher in das Angestelltenverhältnis wechseln, um in Ihringshausen bleiben zu können. Er leitete unter anderem 20 Jahre lang bis zu deren Auflösung 1999 die Bekleidungskammer.

Zivilist war auch Horst Boos als stellvertretender Hausmeister. Er kümmerte sich ab 1979 um das Heizkraftwerk, das bereits von Koks auf Öl umgestellt war, schob Schnee auf dem Flugfeld im Winter. Er kümmerte sich um die Wasserversorgung aus einem Brunnen der Liegenschaft und häufige Wasserrohrbrüche, wenn sich das Gelände über verfüllten Bunkern und Gängen wieder einmal absenkte.

Von Badehosen und festen Duschzeiten

Ehemalige Grenzschützer und Angestellte erinnern sich - 1988 kamen erste Polizistinnen an den Standort

Mit ihrer Zeit beim Bundesgrenzschutz beziehungsweise der Bundespolizei in Ihringshausen verbinden die heutigen Pensionäre und Rentner zahlreiche zum Teil witzige, aber auch ernste Erlebnisse.

Ein für den Notfall gebautes Feuerlöschbecken diente als Schwimmbad, schließlich gehörte bei den Grenzschützern Sport zur Ausbildung. Nur die Dienstbekleidung hielt den Ansprüchen seinerzeit nicht stand, erinnert sich Werner Mathis.

Die etwas größer geschnittenen Badehosen aus Baumwolle lagen nur im trockenen Zustand am Körper an. Einmal mit Wasser vollgesogen, „rutschten sie beim Ausstieg aus dem Becken bis in die Kniekehlen“, erinnert sich Werner Mathis. Aber das sei kein großes Problem gewesen, denn Frauen gab es in der Grenzschutzausbildung damals keine.

Aufgereiht: Die Mitglieder der Fliegerstaffel mit ihren vier Alouette und hinten einer Bell Anfang der 70er-Jahre.

In anderen Bereichen aber durchaus. Frauen arbeiteten als Schreibkräfte, in der zentralen Küche, als Näherinnen in der Bekleidungskammer und als Putzfrauen, immerhin bis 25 an der Zahl, die Horst Boos als stellvertretender Hausmeister einteilte.

1988 dann die einschneidende Veränderung, die ersten Polizistinnen im mittleren Vollzugsdienst zogen in die Grenzschutzunterkunft, die seit September 1967 den Namen „Dr.-Konrad-Adenauer“ trug. Eigene Toiletten und Duschen standen den Damen aber nicht in allen Gebäuden zur Verfügung. Noch bis Mitte der 90er-Jahre wurden daher feste Duschzeiten für Männer und Frauen festgelegt. Gelegentlich seien diese unabsichtlich oder gewollt nicht eingehalten worden, erinnern sie die Ehemaligen.

50 Jahre Bundespolizei in Fuldatal

Gravierendere Probleme hatte Lutz Bunke als Bezirksvertrauensmann der schwerbehinderten Menschen zu lösen. Bei körperlichen, psychischen oder auch familiären Schwierigkeiten half er mit dem Ziel, dass die Polizisten und Mitarbeiter „möglichst im Präsidium bleiben konnten, wenn vielleicht auch an anderem Arbeitsplatz“.

Hintergrund

Jubiläum mit Tag der offenen Tür

Die ehemalige Grenzschutzunterkunft, seit 1967 mit Namen Dr.-Konrad-Adenauer wurde auf einer ehemaligen Munitionsanstalt errichtet. Das Gelände (53 Hektar) liegt zu zwei Dritteln auf Fuldataler und zu einem Drittel auf Vellmarer Gebiet.

In der 50-jährigen Geschichte des Standortes gab es viele Veränderungen. Lediglich die Fliegerstaffel blieb als Konstante. Anfang der 80er-Jahre waren bis zu 800 Menschen am Standort beschäftigt. Heute sind es 363 in vier Dienststellen.

Seit Sommer 2005 heißt der ehemalige Bundesgrenzschutz Bundespolizei. Von Fuldatal aus werden unter anderem alle Bereitschaftspolizisten des Bundes eingesetzt und koordiniert.

Zu einem Tag der offenen Tür lädt die Bundespolizei für den 8. September nach Ihringshausen ein.

Von Michael Schräer

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