Neues Leben in altem Haus

Auf Gut Eichenberg in Rothwesten ist eine Jugend-Wohngruppe untergebracht

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Haben Spaß am Kickertisch im Gemeinschaftsraum der Jugend-Wohngruppe: Von links Leon Bolduan, Christiane Gryyczyk (Pädagogische Leiterin), Andrea Eisenbach (Teamleitung) und Kimberly Marschik.

Fuldatal. Ehemals war das Gut Eichenberg ein Landschulheim. Seit Kurzem lebt hier eine Jugend-Wohngruppe. Die Jugendlichen werden individuell betreut.

Es riecht ein bisschen verbrannt aus der Küche, im Ofen backt gerade ein Kuchen. Der 15-jährige Jemy sitzt am Küchentisch und spielt auf seinem Handy, Kim (12) und der 18-jährige Leon kabbeln sich. Familienalltag. Dabei ist dies hier eine Patchwork-Familie der ganz besonderen Art. Die drei Jugendlichen leben seit Kurzem auf Gut Eichenberg – dem ehemaligen Landschulheim im Fuldataler Ortsteil Rothwesten – in einer Jugend-Wohngruppe.

Christiane Gryyczyk, Vorsitzende des Kasseler Vereins Respekt, hat das leer stehende Herrenhaus gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Dr. Frank Klobes gekauft und in Eigenleistung renoviert. Sechs Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren können seit November auf dem 500 Quadratmeter großen Areal betreut werden.

Jugendliche wählen Betreuer

„Unser internes Motto lautet: Wir nehmen die, die keiner will“, sagt Gryyczyk. Das Konzept: Viel Platz und keine Gruppenpädagogik. „Wir sind eine individualpädagogische Jugendeinrichtung“, sagt die Pädagogische Leiterin. Insgesamt elf Sozialpädagogen und Erzieher teilen sich 7,5 Stellen. Jeder Betreuer hat seinen eigenen Schützling, die Jugendlichen dürfen sich ihre Vertrauensperson selbst aussuchen. Denn anderen zu vertrauen ist etwas, dass die Jugendlichen hier nie gelernt haben. „Sie sind alle mindestens bindungsunsicher“, sagt Christiane Gryyczyk.

Alleine durch ihre Biografie hätten die Jugendlichen, die bei ihnen eine neue Heimat finden, schlechte Startvoraussetzungen ins Leben gehabt. Ihre Eltern sind drogenabhängig, gewalttätig und psychisch krank oder aus anderen Gründen nicht in der Lage, ihre Kinder zu versorgen. „Das sind Jugendliche, die aus ihren Zusammenhängen ständig rausfallen“, erklärt Gryyczyk, „und dadurch Schwierigkeiten haben, Bindungen aufzubauen.“

In ihrer Wohngruppe auf Gut Eichenberg sollen sie wieder lernen, Bindungen einzugehen, anderen zu vertrauen. Jeder hat seine eigene Tagesstruktur, die gemeinsam mit dem Betreuer erarbeitet wird. Bei Leon steht zum Beispiel auf dem Plan: 8.30 Uhr aufstehen, wach werden, draußen eine rauchen. Frühstück. Danach unterstützt er den Haushaltswirtschafter beim Putzen, Kehren oder anderen Dingen, die im Haus anfallen. Er ist einer von zwei Jugendlichen aus der Gruppe, die nicht zur Schule gehen.

Abends gibt es bestimmte Zu-Bett-Geh-Rituale. Kim braucht eine Gute-Nacht-Geschichte, andere einen Tee, um runterzukommen. „Es ist eigentlich wie eine große Familie hier“, sagt Leon. In der auch mal die Fetzen fliegen. „Wir streiten uns manchmal wie Geschwister“, sagt der 18-Jährige. Er und Kim waren die Ersten, die am 6. November auf Gut Eichenberg einzogen. Der Älteste und die Jüngste in der Gruppe haben ein besonders enges Verhältnis.

Aber manchmal ist es dann eben auch alles zu viel. Wenn die Emotionen allzu hoch kochen, können die Jugendlichen sich in den Wutraum im Keller zurückziehen. Da können sie Dinge zerdeppern, einen Boxsack malträtieren oder Teller gegen die Wand werfen. Auch einen eigenen Sport- und Fitnessraum gibt es. Das große Trampolin, das im Garten stand, wurde von Sturm Friederike zerstört. Für ein Neues fehlt derzeit das Geld.

Die Einrichtung finanziert sich hauptsächlich aus Spenden und Fördergeldern. Zudem wird vom Jugendamt ein Tagessatz für jeden Jugendlichen bezahlt.

Kontakt:Respekt Gut Eichenberg GmbH, Gut Eichenberg 3, 34233 Fuldatal, Tel.: 05607/9344410, Mobil: 0179/2431717, Mail: info@gut-eichenberg.de

www.gut-eichenberg.de

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