Ein Haus mit Augenzwinkern

Etwa 300 Jahre alt: Ältestes Haus in Fuldatal mit Denkmalpreis ausgezeichnet

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Zu recht stolz: Stefanie Marx und Thomas Linke aus Fuldatal-Wilhelmshausen haben mit der Restaurierung ihres Hauses den 1. Platz beim Denkmalpreis des Landkreises Kassel belegt. Sie freuen sich sehr über die Anerkennung ihrer jahrelangen Arbeit an dem Gebäude.

Fuldatal. Stefanie Marx und Thomas Linke aus Fuldatal-Wilhelmshausen haben mit der Restaurierung ihres Hauses den 1. Platz beim Denkmalpreis des Landkreises Kassel belegt. 

Wenn man das hübsche Fachwerkhaus Am Berg 9 in Fuldatal-Wilhelmshausen betritt, sollte man nicht größer als 1,98 Meter sein. Ansonsten bekommt man Probleme. Denn höher sind die Decken in diesem Haus nicht, viele sogar niedriger. Ebene Decken, die sich nicht senken und beugen unter der Last, die sie seit etwa 300 Jahren tragen, sucht man hier sowieso vergeblich.

Im Volksmund wird das Fachwerkhaus in Wilhelmshausen „Postels Haus“ genannt. Gebaut wurde es vermutlich um 1690 in der damaligen mittelalterlichen Ständerbauweise, als „ganz schlichtes, schmuckloses Kleinbauernhaus“, sagt Thomas Linke. Der 54-jährige Maschinenbauingenieur hat das Haus gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Stefanie Marx 2011 gekauft und liebevoll restauriert. Für ihren „vorbildlichen Einsatz zur Bewahrung historischer Bausubstanz durch die Sanierung ihres Fachwerkhauses“ wurden sie jetzt vom Landkreis Kassel mit dem 1. Platz beim diesjährigen Denkmalpreis belohnt.

Historisches Foto: So sah das Haus Am Berg 9 in Wilhelmshausen um 1900 aus. Unten links ist der Eingang zum Stall zu sehen. Foto: nh/Privat

Ein altes Haus zu restaurieren war schon immer ihr Traum. „Aber es sollte so übersichtlich und klein sein, dass es weder nervlich noch finanziell ausufert“, sagt Thomas Linke. „Postels Haus“ bot ihnen genau das. Für nur 12 000 Euro kauften sie das Haus, das eine Wohnfläche von 120 Quadratmetern auf zwei Etagen hat. Ursprünglich wurde im Obergeschoss Getreide gelagert, im Erdgeschoss gewohnt. Der Keller wurde als Stall genutzt und bot Platz für eine Kuh und ein Schwein.

Im ersten Jahr nach dem Kauf beschäftigte sich das Paar damit, das Haus auszuräumen, die Substanz freizulegen und sich im Umbau von Fachwerkhäusern weiterzubilden. „Wir haben Bücher zur Altbausanierung gewälzt, mit Handwerkern gesprochen, Museen und Museumsdörfer besucht“, sagt Linke. Als nächstes stellte sich die Frage, was der originäre Stil des Hauses überhaupt sei. Denn das Gebäude wurde in seinem Leben mehrmals vergrößert, 1800, 1935 und noch einmal in den 1960er-Jahren. „Wir wollten die jeweiligen Ausbaustufen erkennbar lassen und die Besonderheiten herausstellen“, sagt Linke. Auch Dinge, die nicht perfekt sind, haben sie genau so gelassen. „Es ist das Augenzwinkern, dass man hier im Haus immer mal wieder findet“, sagt Linke.

Dazu gehört auch, dass in den Holzböden die Fräßgänge der Würmer zu sehen sind und an den Eichenholzbalken der Lehm und Ruß aus 300 Jahren Leben. „Es ist ein sogenanntes Rußhaus, weil es hier keinen Schornstein gibt“, sagt Linke. Daher auch die Rußspuren im Holz.

Als sie das Haus kauften, stand es nicht unter Denkmalschutz. Aber dem Paar war wichtig, Bausünden zu vermeiden und originalgetreu zu restaurieren. 2013 bekamen sie dann einen Brief vom Denkmalamt mit der Nachricht: „Herzlich willkommen, ihr Haus ist schützenswert.“

Drei Jahre Umbau: Jedes Fenster in diesem Haus ist ein Unikat und hat ein anderes Maß. Feuchte und morsche Balken wurden durch 200 Jahre alte Eichenbalken ersetzt. Foto: nh/Privat

Hintergrund: 15.000 Liter Wasser für den Lehm

Entkernen wollten Stefanie Marx und Thomas Linke ihr Haus nicht. Stattdessen sind sie wie Archäologen vorgegangen. So haben sie beim Entfernen von Wänden alte Tapetenreste gefunden und sind durch Recherchen im Tapetenmuseum darauf gestoßen, dass diese etwa aus dem Jahr 1830 stammen. Der Lehm, der schon 1690 verbaut wurde, ist auch heute wieder verwendet worden. „Wir sind absolut im Material geblieben“, sagt Linke. Da, wo Wände herausgebrochen wurden, haben sie den Lehm aufgehoben. Was abgebrochen ist, haben sie wiederverwendet. 15 000 Liter Wasser sind insgesamt für den Bau genutzt worden, um den Lehm zu mischen.

Bau in Zahlen

Es ist ein Lebenstraum, den sich Stefanie Marx und Thomas Linke erfüllt haben. Beide wollten schon immer ein altes Fachwerkhaus restaurieren. Mit „Postels Haus“, wie ihr Haus in Fuldatal-Wilhelmshausen genannt wird, haben sie 2011 den perfekten Bau für ihre Zwecke gefunden.

3 Jahre dauerte der Umbau

3 Innenwände waren von Schwamm befallen.

15 Meter der Schwellenbalken waren feucht und morsch.

40 Jahre stand das Haus leer.

200 Es ist ein Lebenstraum, den sich Stefanie Marx und Thomas Linke erfüllt haben. Beide wollten schon immer ein altes Fachwerkhaus restaurieren. Mit „Postels Haus“, wie ihr Haus in Fuldatal-Wilhelmshausen genannt wird, haben sie 2011 den perfekten Bau für ihre Zwecke gefunden.

100.000 Euro hat die Restaurierung des Hauses insgesamt gekostet, inklusive aller Gebühren. Alleine die Fenster haben 12 000 Euro gekostet. 

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