Hund streunt immer wieder allein durch Fuldatal im Kreis Kassel

Freilaufender Rottweiler in Simmershausen: Nachbarn leben in Angst 

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Macht einen bedrohlichen Eindruck: Rottweiler zählen in Hessen zu den sogenannten Listenhunden. Das Foto ist ein Symbolbild. Es handelt sich nicht um den streunenden Hund aus Simmershausen.

Fuldatal. Seit Jahren streunt in Simmershausen die Rottweilerhündin eines 91-Jährigen frei herum. Die Nachbarn haben Angst vor dem Tier. Sie verständigen regelmäßig die Polizei und das Ordnungsamt. 

Erika Piefke hat Angst, ihr Haus zu verlassen. Auch ihre Nachbarn Thea und Thorsten Schomberg haben Bedenken, sich frei in Simmershausen (Kreis Kassel) zu bewegen. Der Grund dafür heißt Pia, ist fünf Jahre alt, etwa 60 Kilogramm schwer – und eine Rottweilerhündin.

Seit mindestens drei Jahren laufe die Hündin ohne Begleitung durch das Dorf – manchmal sogar täglich, berichten sie. Pias Halter, ein 91-jähriger Mann, werde indes nur selten gesehen. In der Nachbarschaft wohnen viele Senioren und eine Familie mit einem vierjährigen Kind. Viele von ihnen würden in Angst vor dem freilaufenden Rottweiler leben. „Ich habe richtig Bammel“, sagt Piefke. Wenn die 75-Jährige vom Einkauf zurückkehrt und der Hund zu sehen ist, bleibe sie im Auto sitzen, bis er weiter ins Dorf läuft. „Dann renne ich schnell rein“, so Piefke.

Um etwas gegen den Halter zu unternehmen, dessen Rottweilerhündin in Simmershausen frei herumläuft, haben Erika Piefke (links) und Thea Schomberg Unterschriften der Anwohner gesammelt

Ob die Rottweilerhündin tatsächlich gefährlich ist, wissen die Nachbarn nicht. Ihnen gegenüber habe sich Pia nie aggressiv verhalten. „Aber sie ist einfach so groß und springt mit Vorliebe Passanten an, was bei ihrem Gewicht nicht ganz ungefährlich ist“, sagt Thorsten Schomberg. Schon mehrfach haben Piefke und die Schombergs die Polizei und das Ordnungsamt verständigt. Um die Gemeinde dazu zu bewegen, gegen Pia vorzugehen, sammelte das Ehepaar Schomberg im vergangenen September Unterschriften – 14 Nachbarn haben unterschrieben.

Weil sich die Beschwerden häuften, erteilte das Ordnungsamt dem Hundehalter die Auflage, seinen Rottweiler durch einen Zaun am Ausreißen zu hindern. Doch das ist nach Ansicht der Nachbarn nicht genug. Sie wünschen sich, dass der Hund „in gute Hände“ kommt. Denn der 91-Jährige führe die Hündin seit geraumer Zeit nicht mehr aus und das Tier bekäme auf dem Grundstück nicht genügend Auslauf. „Das ist keine artgerechte Haltung“, findet Thea Schomberg. Nachdem in Kassel kürzlich eine junge Frau von einem freilaufenden Kampfhund schwer verletzt wurde, wandten sich die Simmershäuser an die HNA, um Gehör zu finden.

Nachbarn bringen Hund zurück

Den Besitzer auf den Rottweiler anzusprechen, das traue sich in der Nachbarschaft kaum noch jemand. „Er wird schnell ausfallend, wenn es um den Hund geht“, sagt Wolfgang Hansen, der seit 22 Jahren direkt nebenan lebt. Da er Erfahrung im Umgang mit Hunden hat, bringe er Pia öfter zurück, wenn sie wieder streunt. „Sobald wir die Einfahrt betreten, will Pia wieder abhauen“, erzählt der 72-Jährige. Hansen vermutet aufgrund dieses Verhaltens, dass die Hündin von ihrem Halter geschlagen wird.

„Das sind alles Lügen“, sagte der Hundehalter dazu auf HNA-Anfrage. „Die Leute wollen mich hier weghaben.“ Seine Hündin sei sehr freundlich und habe noch nie jemanden verletzt. Das konnte eine enge Freundin des Mannes bestätigen.

Der 91-Jährige sei körperlich nicht mehr in der Lage, den kräftigen Hund auszuführen, räumte diese Freundin ein. Daher habe sie ihn nun davon überzeugt, eine Hundetrainerin zu beauftragen, regelmäßig mit dem Rottweiler spazieren zu gehen – damit das Tier ausgelastet ist und in der Nachbarschaft endlich Frieden einkehrt. 

Das sagt das Ordnungsamt

Nachdem die Rottweilerhündin in der Vergangenheit mehrfach ausgerissen ist, bekam ihr Besitzer vom Ordnungsamt der Gemeinde Fuldatal die Auflage, sein Grundstück mit einem Zaun vollständig einzugrenzen. „Das hat er nun getan“, sagte Heike Möller, zuständige Sachbearbeiterin beim Ordnungsamt. 

Auch alle weiteren Bedingungen, um einen Rottweiler halten zu dürfen, erfülle der Eigentümer. Deshalb gebe es keinen Grund, ihm das Tier wegzunehmen. „Da der Hund niemanden angegriffen hat, besteht auch kein Anlass, den Wesenstest zu wiederholen“, erklärte Möller. 

Sie verstehe jedoch, dass sich die Anwohner gestört fühlen, wenn der Rottweiler das Grundstück ohne Begleitung verlässt. „Im Nachgang können wir aber nicht reagieren“, so Möller. Denn häufig werde sie von den Nachbarn erst hinterher darüber informiert, dass der Hund ausgerissen ist.  

Das sagt das Veterinäramt

Die Sorge der Nachbarn, Rottweilerhündin Pia werde von ihrem Halter nicht artgerecht gehalten, teilt das Veterinäramt des Landkreises Kassel nicht. „Es gibt aus Sicht des Tierschutzes keinerlei Bedenken“, sagte Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises, auf HNA-Anfrage. 

Wegen der Hinweise aus der Nachbarschaft haben Mitarbeiter des Veterinäramtes die Haltung der Hündin in mehreren unangekündigten Kontrollen überprüft. Dabei sei nichts zu beanstanden gewesen, die Hündin habe auf dem Grundstück ausreichend Auslauf. Aggressives Verhalten sei nicht festgestellt worden, ganz im Gegenteil: „Es entstand der Eindruck, dass der Hund freundlich und Menschen sehr zugetan ist“, so Kühlborn. 

Auch der Verdacht, das Tier würde von seinem Halter geschlagen werden, habe sich nicht bestätigt. „Würde der Hund misshandelt werden, wäre das an seinem Verhalten oder auch an möglichen Verletzungen klar zu erkennen“, sagte Kühlborn.

Das sagt die Expertin

Zu beweisen, dass Listenhunde wie Rottweiler nicht so gefährlich sind wie ihr Ruf, hat sich Hundetrainerin Katja Eichel zur Mission gemacht. Ihr Motto lautet: „Haltersachkunde statt Rassenliste“. Sie selbst hält eine Rottweilerhündin und hat mit uns über die positiven Eigenschaften, aber auch die Probleme mit dieser Rasse gesprochen.

Frau Eichel, warum gelten Rottweiler als gefährlich? 

Katja Eichel: Weil es Idioten gibt, die diese Rasse dazu abrichten, Menschen anzufallen. Dadurch ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Beißvorfällen gekommen. Seit 2009 stuft die Hessische Hundeverordnung Rottweiler als gefährlich ein, wodurch sie zu den sogenannten Listenhunden zählen. Aber selbst diese Tiere sind nicht von sich aus gefährlich. Wenn ein Hund jemanden angreift, liegt das immer an den Haltern.

Welche Eigenschaften zeichnen den Rottweiler aus? 

Eichel: Rottweiler sind gemütliche, aber auch wachsame Tiere. Sie sind sehr menschenbezogen und bauen eine enge Bindung zu ihrem Halter auf. Allerdings ist der Rottweiler auch eine große und kompakte Rasse, die mit ihrer Fellzeichnung nicht gerade ungefährlich aussieht. Ich kann daher verstehen, dass die Nachbarn in dem aktuellen Fall Angst haben. Aber es dauert sehr lange, bis man einen Rottweiler böse bekommt.

Was müssen Halter von Rottweilern in Hessen erfüllen?

Eichel: Wer einen Rottweiler halten möchte, muss bei der Gemeinde eine Haltererlaubnis beantragen. Um den Hund führen zu dürfen, muss man in einer theoretischen Prüfung seine Sachkunde nachweisen. Der Rottweiler muss im Alter von 15 Monaten einen Wesenstest machen, in dem sein Verhalten in Alltagssituationen beobachtet wird. Nur, wenn der Hund dabei entsprechende Auflagen bekommt, muss er später an der Leine geführt werden oder einen Maulkorb tragen. 

Tödliche Zwischenfälle mit Hunden

Zwei tödliche Zwischenfälle mit Hunden waren in den vergangenen Tagen Thema in den Medien: Im hessischen Bad König hatte ein Hund am Montag ein sieben Monate altes Baby in den Kopf gebissen. Der Säugling starb an seinen schweren Verletzungen.

In Hannover hatte zuvor ein so genannter Kampfhund eine Mutter und ihren Sohn totgebissen.

Messerattacke auf Hund in Kassel

Für Aufsehen hatte vergangene Woche zudem ein Fall aus Kassel gesorgt: Nachdem ein Belgischer Schäferhund von einem Dackelbesitzer in den Hals gestochen wurde und die HNA darüber berichtete, hatte sich der betagte Mann gemeldet und seine Version des Vorfalls erzählt.

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