Erinnerung an Eleonore Lemp

Gründerin der Reinhardswaldschule - Sie wollte die Welt verbessern

Fuldatal. Vermutlich wissen die wenigsten, dass es eine Verbindung zwischen dem Modezar Karl Lagerfeld und der Reinhardswaldschule in Simmershausen gibt.

Ist auf den ersten Blick auch eher abwegig. Auf den zweiten Blick weniger. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts war die Reinhardswaldschule (RWS) eine reine Frauenschule, die von vielen als Eliteschule angesehen wurde und hauptsächlich von Mädchen aus gehobenem Hause besucht wurde. So eine war auch Thea Lagerfeld, die ältere Halbschwester von Karl, die Ende der 1930er-Jahre hier zur Schule ging.

Gegründet hatte diese Frauenschule Eleonore Lemp. Die damals 44-jährige Schulleiterin hatte nach erfolglosen Versuchen, in Berlin und Darmstadt eine Reformschule mit Internat zu gründen, in Simmershausen 1914 mit dem ehemaligen „Sanatorium Schocketal“ den perfekten Ort gefunden. Dort baute sie über die kommenden Jahrzehnte eine Schule für höhere Töchter auf, die aus hanseatischen Industriellenfamilien, Adelsfamilien und auch aus dem Ausland kamen, um hier auf dem Land auf das Leben vorbereitet zu werden.

„Da waren schon außergewöhnliche Mädchen dabei“, sagt Gertrud Scheele, die zum Schuljahr 1934/35 auf die RWS kam und dort 1939 ihr Abitur machte. Sie war eine der wenigen, die nicht im Internat lebte, sondern bei ihren Eltern in Simmershausen, und die auch das teure Schulgeld nicht zahlen musste. „Wir hätten uns das gar nicht leisten können.“ Sie konnte die Schule trotzdem besuchen, weil ihr Vater dort Lehrer war.

Über ihre damalige Schulleiterin sagt Gertrud Scheele, die mittlerweile 98 Jahre alt ist: „Sie war eine Idealistin und gleichzeitig waren ihr preußische Zucht und Ordnung wichtig“, sagt Scheele. „Sie wollte die Welt ein bisschen besser machen.“ Schöngeistig sei sie gewesen und habe bei Kaminabenden Gedichte vorgetragen.

Sie sei eine Persönlichkeit gewesen und auch eine imposante Gestalt, diese Eleonore Lemp, die schon früh wusste, dass sie Lehrerin werden wollte und sich bald mit dem Reformgedanken befasste, der ihr Leben bestimmen sollte. 1871 in Görlitz geboren, studierte sie am königlichen Lehrerinnenseminar in Posen und legte später auch das Schulvorsteherinnen-Examen ab. Sie heiratete nie, blieb kinderlos und ließ sich zeitlebens mit Fräulein anreden. Ihre Leidenschaft gehörte ein Leben lang der Reformpädagogig, ihrer Schule und ihren Schülerinnen.

Bei denen genoss sie große Anerkennung. Wegen ihres lockeren, schütteren, weißen Haars wurde sie von ihren Schülerinnen liebevoll „Pusteblume“, oder auch „Lempine“ genannt, sogenannte „Uralt-Schülerinnen“ durften sie sogar „Mutter Lore“ nennen. Trotzdem war sie eine Autorität, die von ihren Mädchen einiges verlangte. In einem Werbeprospekt aus dem Jahr 1929 heißt es: „Die Reinhardswaldschule will deutsche Frauen erziehen, warmherzige und wahrhaftige, willensstarke und arbeitsfreudige Persönlichkeiten, gesund an Geist und Körper.“ Das Ziel und Glück der Pädagogin Lemp war, wie sie 1921 schrieb, junge Mädchen für das Vaterland zu erziehen.

Jeden Morgen schlug um 6.45 Uhr der Gong, und alle Schülerinnen fanden sich zum Freiluft-Turnen auf dem Tanzplatz ein. Auf dem Lehrplan stand neben den regulären Lernfächern auch Haushaltswirtschaft. Putzen sollten die Mädchen lernen, und in der Lehrküche, wie man mit dem Kochlöffel umgeht. „Da kam schon mal eine mit einem Löffel um die Ecke und fragte Fräulein Lemp, ob das Wasser jetzt schon koche“, erzählt Gertrud Scheele und lacht.

Die Schülerinnen arbeiteten nicht nur in der Küche und im Haus, sondern auch im Garten, in den Gewächshäusern und auf dem Geflügelhof der Schule. Auch Ställe mit Kühen, Schweinen und Pferden sowie eine Molkerei gehörten später zur Schule. Außerdem gab es ein Säuglingsheim, wo die Mädchen den Umgang mit Kindern lernten.

Auch Sport wurde in der RWS großgeschrieben. Eleonore Lemp schrieb 1927 in einer Erzählung: „Selbstverständlich wird auch Leibesübung als Turnen und Gymnastik getrieben, es wird gewandert, Rad gefahren, in jeder Hinsicht ein gesundes, einfaches Leben im Anschluss an und mit der Natur geführt.“ Aber so ganz wollten die Mädchen dann wohl doch nicht auf den gewohnten Luxus verzichten. Manche ließen sich – natürlich heimlich – aus einem Delikatessengeschäft in Kassel Leckereien mit dem Bus nach Simmershausen bringen und auch der Tante-Emma-Laden im Ort soll Alkohol und Zigaretten an die Mädchen verkauft haben.

Nach den schweren Luftangriffen 1943 auf Kassel musste Eleonore Lemp ihr Lebenswerk aufgeben und ihre Schule schließen. Sie starb in Kassel am 20. Februar 1950.

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