Star-Dompteur Siegfried Wiesner erinnert sich

"Nachts brüllten die Löwen": So war das Leben auf der Tierfarm im Schocketal

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Tierfütterung: Siegfried Wiesner mit seinen Tigern 1974.

Fuldatal. Es gibt da dieses Bild. Es steht bei Siegfried Wiesner auf einer Anrichte. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus einer anderen Zeit.

Darauf zu sehen ist der von Muskeln durchzogene Rücken Wiesners. Seine drahtigen Arme reißen das riesige Maul eines Tigers auf, in dessen Rachen Wiesners Kopf steckt. Wiesner konnte so was. Er war einer der bekanntesten Dompteure Deutschlands und mit seiner Raubtiershow weltweit eine Sensation.

Heute lebt der 83-Jährige bescheiden in einer kleinen Wohnung in Ihringshausen. Auch hier überall Tiger, auf Fotos, alten Zeitungsausschnitten, in Büchern. „Tiger sind meine Leidenschaft“, sagt Wiesner, ein kleiner, immer noch drahtiger Mann, der gern und viel lacht.

Siegfried Wiesner

Schon als Kind war es sein großer Traum, Dompteur zu werden, genau wie sein Onkel Josef Wiesner, der mit Löwen, Tigern und Bären europaweit unterwegs war. Siegfried Wiesner wurde 1934 in Crimmitschau in Sachsen geboren. Nach Kriegsende flüchtete er in den Westen, wo sein Vater lebte. Seine einzige Begleitung auf dem Weg in den Westen: eine zahme, weiße Maus, die er in seiner Jackentasche mit sich herumtrug. Er ging zu seinem Vater nach Schleswig-Holstein, wo er auch seinen Onkel fand. Siegfried war Feuer und Flamme, wollte bei seinem Onkel lernen. „Es war mein großer Traum und ein Leben wie von einem anderen Stern“, sagt Wiesner. Aber auf Druck der Familie absolvierte er zuerst eine Lehre als Orthopädie-Schuhmacher.

Doch seine Leidenschaft blieben die Tiere, und so packte er seine Sachen und ging bei seinem Onkel in die Ausbildung. Dem ersten Tiger, mit dem er auftrat, gab er den Namen Mausi, „weil er so zahm war wie meine Maus“. Er pflegte den kranken Tiger und das Vertrauen, das zwischen ihnen entstand, legte den Grundstein für seinen Erfolg in der Manege. „Ich konnte mit Mausi alles machen.“

Keine Angst vor wilden Tieren: Mit der Tierfarm erfüllte sich Siegfried Wiesner einen Lebenstraum.

Er wurde ein Verfechter der sogenannten zahmen Dressur und machte Dinge, die damals wenige Dompteure machten: Er trug 240 Kilo schwere Tiger auf dem Rücken, ließ sich unter ihren massiven Körpern begraben, ließ sich von ihnen umarmen und steckte seinen Kopf in ihre Rachen. In den Zeitungen wurde er als „Deutschlands Wunderdompteur“ bezeichnet und auch in der Hessischen Allgemeinen machte er Schlagzeilen. Am 8. August 1958 schrieb unsere Zeitung: „19-jähriger Dompteur von einem Tiger angesprungen.“

20 Jahre lang tourte er mit seinen bis zu 25 Raubtieren durch die Welt. Zwei Mal trat er in der Deutschlandhalle in Berlin bei „Menschen, Tiere, Sensationen“ auf. Er zeigte seine Raubtiernummer in den bekannten Zelten von „Circus Busch-Roland“, „Circus Hagenbeck“ und „Circus Knie“ und war auch weltweit gefragt. 1973/74 verbrachte er ein Jahr in Japan. „Wir sind damals mit zehn Tonnen in einem Sonderflugzeug nach Japan gereist“, erinnert sich Wiesner.

Nach seiner Rückkehr aus Fernost beendete er seine Karriere als Dompteur und erfüllte sich einen zweiten, großen Lebenstraum: eine Tierfarm. Denn er wollte nicht nur Tiere dressieren, sondern mit ihnen leben, ihre Art erhalten und sie züchten. Mit Kassel verband ihn eine besondere Beziehung, er hatte hier oft gastiert und Freundschaften gefunden. Außerdem gab es in Kassel keinen Zoo. „So kam es, dass ich nach Nordhessen kam“, sagt Wiesner.

Im Schocketal zwischen Ihringshausen und Simmershausen fand er für seinen Traum den perfekten Ort. Auf einem 20.000 Quadratmeter großen Waldstück oberhalb der Bundesstraße 3 in Simmershausen eröffnete er 1976 seine Tierfarm. Hier lebten Tiger, Panther, Jaguar, Pumas, Leoparden, Löwen und Affen, aber auch ein Lama, Schafe, Ziegen, Pferde und Marder. „Nachts brüllten die Löwen“, erzählt Wiesner. Man hörte das Gebrüll durch das ganze Schocketal.

Anfang der 80er-Jahre zerbrach sein großer Traum. Auflagen der Gemeinde, ein neues Artenschutzgesetz und Steuerschulden zwangen Wiesner, seine geliebten Raubkatzen zu verkaufen und seine Farm zu schließen. Bis 2015 lebte er in einem Wohnwagen im Wald zwischen den nun verwaisten Raubtierkäfigen und Ställen. „Reisende Leute wohnen im Wohnwagen, ich war das so gewohnt“, sagt Wiesner.

Erst als er einen schweren Unfall hatte, verließ er das Gelände. „Ich habe mich mit meinem Heizstrahler gegrillt“, sagt der 83-Jährige und lacht laut. Mit schweren Verbrennungen kam er in eine Spezialklinik. Das einstige Ausflugsziel verkommt seither immer mehr zu einer Müllhalde. „Das macht mich traurig“, sagt Wiesner. Jeder kann hier seinen Müll abladen, die Türen sind schon lange weg, auch Zäune seien durchtrennt worden, sagt Wiesner. Er selber kann das Gelände nicht sichern und instandsetzen. „Mir ist heute nichts mehr möglich, ich bin froh, dass ich lebe.“ Alles, was er hatte, hat er über die Jahre in die Farm gesteckt. Geld hat er keines mehr. Alles, was ihm bleibt, sind seine Erinnerungen.

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