Hobby-Historiker aus Rothwesten sichtete Unterlagen zum Fliegerhorst

Aufbau einer deutschen Luftwaffe in Rothwesten: Geheime Pläne vor 1933

Das Wirtschaftsgebäude: Die Aufnahme aus dem Jahr 1935 zeigt den Komplex mit dem Uhrtürmchen (links), das heute unter Denkmalschutz steht. Repro: Sommerlade

Fuldatal. Rothwesten ist ein historischer Ort. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen gilt der kleine Fuldataler Ortsteil mit seinem Kasernengelände als die Geburtsstätte der D-Mark im Jahr 1948, zum anderen bildet er mit dem historischen Fliegerhorst einen Meilenstein in der Entwicklung militärischer Flugplätze.

Für Klaus Brandstetter Grund genug, sich näher mit der Geschichte des Fliegerhorsts zu beschäftigen.

Schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 habe es geheime Pläne zum Aufbau einer deutschen Luftwaffe gegeben, sagt der Hobby-Historiker. Vom Reichsluftfahrtministerium wurde schließlich das Rothwestener Gelände um den Eichenberg ausgewählt.

„Da die deutsche Luftwaffe aber offiziell gar nicht existieren durfte, wurde seinerzeit eine Tarnorganisation geschaffen.“ Die Deutsche Verkehrsfliegerschule (DVS) habe den Bau des neuen Fliegerhorsts geleitet. „In einer Bauzeit von nur elf Monaten wurde das Gelände völlig umgekrempelt“, weiß Brandstetter.

Unter der Leitung von Dipl.-Ing. Werner Noell, des späteren Leiters des Hochbauamtes, entstand nach diversen Rodungsarbeiten auf einer Fläche von 195 Hektar eine 800 Meter lange und 600 Meter breite Landebahn, die 1938 auf 1000 Meter verlängert wurde.

Aus der Luft: Die historische Aufnahme zeigt den Fliegerhorst, oben die Kasernengebäude, rechts unten ist die Erlenbuschsiedlung zu sehen.

Der Kasernenbereich im Wald in Richtung Knickhagen mit Hallen für die Flugzeuge und deren Wartung entstand beinahe gleichzeitig. Ebenso wie der Unterkunftsbereich für die Soldatenfamilien, die sogenannte Erlenbuschsiedlung.

Am 1. Mai 1935 erfolgte die militärische Übergabe des neuen Fliegerhorstes. „Dort waren auch bekannte Künstler tätig“, weiß Brandstetter. So wie der Fotograf Karl-Hugo Schmölz, der das Bildmaterial für Propagandazwecke erstellte. Oder Prof. Paul Wynand, der den Ikarus schuf, das Wahrzeichen des Fliegerhorstes. Auch der Kunstflieger Albert Falderbaum war in Rothwesten stationiert, und der bekannte Ihringshäuser Maler Georg Höhmann schuf ein Relief.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde der Fliegerhorst von der Luftwaffe genutzt. Auf dem „Airfield Rothwesten“ waren anschließend die Amerikaner als Besatzungsmacht bis zum Jahr 1972 stationiert.

„Während der Besatzungszeit fand im Haus Posen des Fliegerhorstes Rothwesten das streng geheime Konklave statt, bei dem die Vorbereitungen zur Währungsreform im Juni 1948 getroffen wurden. Das führte zur Einführung der D-Mark in den drei westlichen Besatzungszonen“, erläutert Brandstetter.

Die Bundeswehr nutzte das Gelände schließlich unter neuem Namen. In der Fritz-Erler-Kaserne waren bis Ende 2007 viele Truppen untergebracht. Heute steht auf dem ehemaligen Rollfeld eine großflächige Fotovoltaikanlage. Im Haus Posen befindet sich das Museum Währungsreform 1948.

Auf historischer Spurensuche

Klaus Brandstetter arbeitet seit 2007 die Geschichte des Militärgeländes auf

Wenn man lange Jahre in einem solch geschichtsträchtigen Ort wohnt, liegt es nahe, sich einmal auf historische Spurensuche zu begeben“, sagt der 45-jährige Klaus Brandstetter. 1965 in Kassel geboren, kam er 1966 mit seiner Familie nach Rothwesten und ist auch heute noch in der Region zu Hause. Schon im Kindesalter sei er oft gemeinsam mit seinem Vater zu dem Teilstück der ehemaligen landgräflichen Domäne gelaufen, auf dem 1934 der Fliegerhorst entstand und das bis 2007 Sitz der Fritz-Erler-Kaserne war.

Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich Brandstetter mit der Geschichte des ehemaligen Fliegerhorstes in Rothwesten. Immer auf der Suche nach Informationen aus der Vergangenheit, sammelt der Geschäftsführer eines Metall verarbeitenden Unternehmens geschichtliche Fakten und wertet sie aus, bis sich daraus ein Gesamtbild ergibt.

Die Idee, sich intensiv mit der Aufarbeitung zu beschäftigen, kam Brandstetter während seines Grundwehrdienstes in der Rothwestener Kaserne 1986. Genauer gesagt beim routinemäßigen Streifenlaufen. „Das dauerte damals zwei Stunden, bis man um das gesamte Gelände gegangen war. Ich habe das aber immer gern gemacht und dabei viele Eindrücke gesammelt.“ Der Entschluss, die Eindrücke mit historischen Bildern und Dokumenten zu untermauern, fasste er in 2007. In jener Zeit, als die Umstrukturierungen in Rothwesten begangen.

„Das schien mir ein geeigneter Zeitpunkt, Rückschau zu halten, Zusammenhänge zu recherchieren und die Ergebnisse zu dokumentieren“, so der Geschichtsfan. Aus unzähligen schriftlichen Quellen, vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und der Auswertung und Sammlung von Bildmaterial ist über vier Jahre hinweg ein sachlich fundiertes Gesamtwerk entstanden. Seine Arbeitsergebnisse präsentierte er erstmalig beim Freundeskreis Historisches Ihringshausen. (zms)

Infos unter 05 61/8 90 53 24 oder post@brabo-ks.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.