Eigentümer des Gutes Ellenbach wollen keine Flächen für Gewerbegebiet am Sandershäuser Berg abgeben

„Es geht hier um unsere Existenz“

Sie fürchten um ihre Existenz: Ralf und Birgit Scheller betreuen auf Gut Ellenbach über 70 Pferde. Die Pension für die Reittiere samt Reitschule ist neben dem Ackerbau das zweite Standbein des Betriebs. Foto: Hühne

Niestetal. Als Ralf und Birgit Scheller vor zwei Jahren die neue, 1000 Quadratmeter große Reithalle in Betrieb nahmen, wollten die Eigentümer des Guts Ellenbach dies auch als ein Signal verstanden wissen. Die Botschaft lautete: Der traditionsreiche Landwirtschaftsbetrieb mit Pferdepension und Reitschule bleibt hier, wir lassen uns nicht verdrängen.

Damals erreichte die Diskussion über eine Erweiterung des Gewerbegebiets am Sandershäuser Berg in Niestetal einen ersten Höhepunkt. Um mindestens 50 Hektar, das sehen die seither kursierenden Pläne der Gemeinde vor, könnte das jetzt 25 Hektar große Areal wachsen, auf dem der Solartechnikhersteller SMA derzeit ein Servicezentrum errichtet.

Auf den Grafiken und bunten Karten ist das Land entlang der Autobahn 7 längst verplant. Dabei gehören nach Angaben von Ralf Scheller bis zu 30 Hektar des potenziellen Gewerbegebiets zum Gut Ellenbach. Sie sind Eigentum des insgesamt 135 Hektar großen Betriebs, zu dem auch Waldflächen gehören. „Wir würden rund ein Drittel unserer Ackerflächen verlieren“, sagt Birgit Scheller, die das idyllisch in einer Mulde gelegene Anwesen seit 1989 mit ihrem Mann bewirtschaftet.

Auch wenn die Reithalle, der moderne Bewegungsstall und die teilweise unter Denkmalschutz stehenden Gebäude nicht angetastet werden sollen: Für die Schellers, die von einem Mitarbeiter und zwei selbstständigen Reitlehrerinnen unterstützt werden, kommt ein Verkauf des Landes nicht infrage. „Die Flächen stehen momentan nicht zur Verfügung“, stellt Ralf Scheller klar.

Aber was ist mit dem Geld, das ein Verkauf für das Gewerbegebiet in die Kasse spülen würde? Erich Schaumburg, früherer Nachbar auf dem Hof Ellenbach, hat sein Anwesen verkauft und bewirtschaftet heute das Gut Windhausen bei Heiligenrode. „Geld ist nicht alles“, betont Landwirt Scheller, „es geht hier um unsere Existenz.“ Ohne die wertvollen 30 Hektar, davon ist das Ehepaar überzeugt, sei es schwer möglich, das Gut weiterzubetreiben. Zumal in der Nähe kaum geeignete Ersatzflächen zu bekommen seien.

Und dann ist da noch das Ambiente. „Sollen unsere Reiter mit ihren Pferden zwischen Logistikhallen reiten?“, fragt Birgit Scheller. Über 70 Pferde sind gegenwärtig auf dem Gut untergestellt, das in diesem Jahr vom Land Hessen für seine tiergerechte Pferdehaltung ausgezeichnet wurde. Auch auf anderen Gebieten sind die Schellers im wörtlichen Sinne Vorreiter: Das Gut verfügt über ein eigenes Klärwerk, die Fotovoltaikanlagen auf dem Süddach der neuen Reithalle erzeugen drei Mal so viel Strom wie der Landwirtschaftsbetrieb benötigt.

Seit Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) das Thema Gewerbegebiet mit Autobahnanschluss forciert hat, sind die Gutsbesitzer noch stärker verunsichert.

Und nicht nur sie. Immer wieder fragten ihre Kunden, was aus der Pferdepension und der Reitschule wird. Befremdet hat Ralf und Birgit Scheller, die im Herrenhaus des Gutshofs leben, die Tatsache, dass nach dem grundsätzlichen Ja des Bundesverkehrsministeriums für einen Autobahnanschluss am Sandershäuser Berg kein Vertreter von Politik und Verwaltung mit ihnen über die Pläne gesprochen hat. Auch Niestetals Bürgermeister Andreas Siebert (SPD) nicht.

Das stimmt, sagt Verwaltungssprecher Dennis Bachmann auf HNA-Anfrage. Er verweist auf die Bedarfsanalyse, die die Gemeinde Niestetal demnächst in Auftrag geben wird. Die Gemeinde wolle zunächst das Ergebnis der Expertise abwarten. HINTERGRUND

Von Peter Ketteritzsch

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